Mein erstes Mal „Original unverpackt“

Februar 3rd, 2019 - 
Wiener Straße 16, Berlin-Kreuzberg

Früher fühlte ich mich oft als „early Adopter“. Ob das damals überhaupt der Realität entsprach, kann ich heute gar nicht genau sagen. Heute warte ich häufig ab, renne wenig bis gar keinen Trends hinterher. Deshalb war ich wohl auch erst am Samstag bei „Original unverpackt“, dem Kreuzberger Laden von Milena Glimbovski. Wie es der Name schon vermuten lässt, wird in dem Geschäft möglichst unverpackte Ware verkauft. Ich hatte seit der Gründung 2014 bisher nur davon gelesen.

Milena Glimbovski gründete mit Sara Wolf den Laden, der inzwischen Nachahmer in Deutschland und im Ausland gefunden haben soll. Ich wollte endlich sehen und verstehen, wie das Konzept eines Geschäfts funktioniert, in dem die Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs ohne Verpackung verkauft werden. Gleich zu Beginn: Es funktioniert.

Es funktioniert, weil Menschen diese Idee nicht nur 2014 in einem Crowdfunding mit gut 100.000 Euro unterstützten, sondern weil an einem Samstagnachmittag permanent Menschen im Laden sind und tatsächlich kaufen. Sie bringen teils gebrauchte Papiertüten mit oder Gläser, in denen sie Mehl, Müsli, Waschmittel oder Tee und Kaffee abwiegen und an einer Kasse nahe dem Ausgang bezahlen.

Der Store ist schlicht und die Wände zieren alte Fliesen, die Bestandteil der ehemaligen Metzgerei sind, die diese Räume früher beherbergten. Heute – so scheint es mir – ist der Laden in erster Linie mit vegetarischen und veganen Produkten ausgestattet.

Gut 600 Produkte sollen in den Regalen auf die KäuferInnen warten. Für mich ist das ungewohnt. Ich bin seit vielen Jahren der Haupteinkäufer der Familie, denn ich koche die meiste Zeit. Meine Frau ist dafür die deutlich bessere Bäckerin. Ungewohnt ist für mich in erster Linie die wenige Farbe in den Räumen. Denn in erster Linie kommt Farbe – besonders die grelle Farbe – durch Verpackungen ins Spiel. Hier fehlen diese. Müsli, Mehl und Co. finden sich in Bulk Bins (Spendersystemen), die meist durchsichtig sind und somit einen direkten Blick auf das Produkt selbst zulassen. Mir fällt auf, wie ähnlich die Produkte in ihren natürlichen Farben sind. Es sind die Naturfarben zwischen Weiß und dunklem Braun.

Flüssigkeiten, wie Haarwaschmittel oder Tahin finden sich in Metallbehältern, die so wohl den Hygienevorschriften im Einzelhandel entsprechen.

Neben den Lebensmitteln finden sich – wie bereits erwähnt – auch Haarwaschmittel und Seifen. Sie dominieren mit ihrem Geruch im Geschäft. Es sind natürlich Produkte, die besonders ökologisch sind. Und somit riechen sie durchaus intensiv.

vegane Schokolade & ein Bretzelsnack

Eben weil die Produkte nicht verpackt sind, kann man Papiertüten und Transportgefäße aus Glas und Metall ebenfalls im Store erwerben. Mir wäre es also ohne Probleme möglich gewesen, meinen Wochenendeinkauf samt wiederverwertbaren Behältnissen zu erledigen. Tatsächlich habe ich mir vier Produkte mitgenommen: einen Neuköllner Honig, eine Solicola, einen kleinen Bretzelsnack und vegane Schokoladendrops, die in etwa Vollmilchschokolade entsprechen sollte. Der Bretzelsnack war lecker und stammte wie die Schokodrops aus Plastikbehältnern, die das Portionieren einfach machten.

Mit der Cola (Pfandflasche) unterstützt man Initiativen, die Projekte mit Geflüchteten möglich machen und der Neuköllner Honig dürfte ein ultraregionales Produkt mit dem vermutlich kürzesten Transportweg sein. Meinen Besuch absolvierte ich auf der Heimfahrt von einer Elterntaxitour und mein Fahrzeug fährt vollelektrisch – es dürfte also auch noch recht nachhaltig gewesen sein.

„Original unverpackt“ hat mir gezeigt, dass es auch eine andere Verkaufskultur geben kann, als wir es inzwischen gewohnt sind. Verpackungen könnten in einem Discounter womöglich nicht komplett weggelassen werden, aber eine deutliche Reduktion dürfte noch immer möglich sein. Gleichzeitig ist die Produktvielfalt deutlich geringer bei „Original unverpackt“. Daran müsste ich mich erst gewöhnen, da mich das in unserem Bio-Supermarkt manchmal schon nervte. Gleichzeitig ist mir klar: Niemand benötigt von jedem Produkt drei oder vier Alternativen. Es ist also in erster Linie die Gewohnheit, die man infrage stellen muss, wenn man sich auf das Konzept von Milena Glimbovski und Sara Wolf einlassen will.

Mir persönlich fehlten im Laden Käse- und Fleischwaren. Ich bin eben noch kein Vegetarier. Allerdings dürften beide Produkte auch wirtschaftliche Risiken bergen, wenn nicht sogar persönliche Gründe der Gründerinnen gegen den Verkauf sprechen. Nur ein Punkt hat mich wirklich stutzig gemacht: Warum müssen vier Trinkröhrchen aus Metall satte 14 Euro kosten?

Fazit: Ich wünschte mir einen solchen Laden in meinem Kiez, denn eine regelmäßige Fahrt zum Kreuzberger Geschäft wäre unverhältnismäßig – mit dem eAuto ob der verbrauchten Energie; per Fahrrad oder ÖPNV würde der Einkauf zu viel Zeit beanspruchen. Insgesamt ist jedoch das Konzept vor Ort sicherlich ein sehr guter Prototyp, der sich adaptieren und anpassen lässt.

Achtung, Satire!

April 28th, 2017 - 


Kleines 360 Grad Entspannngsvideo. Nicht rezeptpflichtig. Empfohlene Einnahme bei Überfremdungsfällen 3x täglich. Bei extremem Stress kann parallel dazu auch in eine Papiertüte geatmet werden. Es wird zu mehrmaligem Konsum geraten, um sowohl die Erklärungen als auch die vielen liebevoll gestalteten Wohnungsdetails geniessen zu können. Bei Risiken und Nebenwirkungen wenden Sie sich bitte an das Bohemian Browser Ballett .

Übrigens

Juni 25th, 2016 - 

…während Europa mit EM, Brexit und anderen Krisen beschäftigt ist, winkt unsere Regierung im Expressverfahren ein neues Anti-Terror-Gesetz durch.

Schnell noch Tarnkappen und SIM-Karten kaufen ?

Ein Bienchen für die Konservativen!

September 4th, 2015 - 

Ausgerechnet Herr Bosbach echauffiert sich dieser Tage im Deutschlandfunk über mangelnde Solidarität europäischer Staaten in Bezug auf die Flüchtlingssituation.

Das ist lustig. Sind es doch die konservativen europäischen Parteien/Regierungen, die immer wieder Angst gegenüber EinwanderInnen und Flüchtlingen schüren. Terrorismus, Islamismus, „Asylmissbrauch“ und Verlustängste der Mittelschicht werden insbesondere von Konservativen herangezogen, wenn es vermeintliche Argumente für verschärfte Gesetze, Überwachung und Sozialkürzungen braucht.

Allerdings ist Wolfgang Bosbachs Linie auch sehr nachvollziehbar und konsistent. Als es um die Bankenkrise und verschiedene Schuldenkrisen ging, verwiesen insbesondere die deutschen Konservativen gern auf die ausländischen Regierungen und Banken, um „Schuldige“ für die Probleme zu präsentieren.

Natürlich konnte die Flüchtlingsproblematik in großen Teilen vorhergesehen werden. Wozu sind denn sonst Nachrichtendienste, das diplomatische Korps und Innen- und Außenministerium da? Sie liefern genau solche Erkenntnisse – oder doch nicht? Ich gehe jedenfalls davon aus, dass die Bundesregierung wusste, dass eine große Flüchtlingswelle auf Europa zukommen wird. Man hätte also frühzeitig in die Kommunikation einsteigen können, wenn man denn gewollt hätte. Die Gesellschaft hätte von den von ihr gewählten VertreterInnen informiert werden können.

Dieses frühzeitige Informieren und Dialog führen, ist – aus meiner Sicht – bisher äußerst selten von der Bundesregierung getan worden. Es wird auf die Eskalation gewartet. Der Grund dafür scheint mir recht einfach: Es ist schlicht zielführender für Konservative, in einer eskalierenden Situation die eigenen, konservativen und strengen Maßnahmen zu verargumentieren, als in einer für die Gesellschaft entspannten Lage. Jetzt, also in einer schwierigen Zeit, können Grundgesetzänderungen und Asylgesetzverschärfungen als pragmatische und wichtige Lösungen präsentiert werden. Allerdings sind sie nicht pragmatisch, sondern dienen ganz klar der Agenda der Konservativen: Gesetze so zurechtschrauben, dass sie für die eigene politische Vision taugen.

Und was macht die deutsche Gesellschaft? Einige Leute helfen den Menschen in Not, die Mehrheit schweigt jedoch – ist mein Eindruck. Die Konservativen machen also alles richtig. Ob das gut ist, steht in der Politik nicht zur Debatte.

Rätsel

August 27th, 2015 - 

Was oder wer bin ich? Ich komme aus einer Gegend, die wirtschaftlich nicht so den rosigsten Ruf hat. Manchmal sagen Leute, ich hätte meine Kindheit in einer Diktatur verbracht. Viele reagieren oft noch mit Vorurteilen über Menschen, die dort wohnen (=Sozialschmarotzer, dumm, unakzeptable politische Einstellung, kriminell). Die meisten, mit denen ich dort aufgewachsen bin, sind inzwischen dort weg. Wegen besserer Berufsperspektiven und Lebensbedingungen anderswo.

Ich besitze einen Ausländerausweis und eine befristete Arbeitserlaubnis. Ein Immigrant bin ich aber nicht, auch kein Asylant. Ich habe keinen unbefristeten Arbeitsvertrag, sondern arbeite mal hier mal da und ziehe oft um. Projektmanagement heisst sowas heute, Mobilität im Zeitalter der Globalisierung ist wichtig, sagen sie. Ein Wanderarbeiter bin ich aber nicht. Oft arbeite ich sogar in anderen Ländern, weil es den Horizont erweitert und ich dort oft auch besser bezahlt werde. Karrieremachen nennt man das. Ein Wirtschaftsflüchtling bin ich aber nicht. Manchmal finden mich die Einheimischen doof, weil ich ihnen angeblich den Arbeitsplatz oder die Wohnung wegnehme, zur Gentrifizierung beitrage, ihre Sprache nicht richtig beherrsche und mich nicht hundertprozentig anpassen kann und möchte. Ein Gastarbeiter bin ich aber nicht. Auch wenn ich nicht immer so willkommen bin, schmeisst mir niemand Brandbomben vor die Haustür, beschmiert meine Strasse oder droht mir Gewalt an. Wieso eigentlich nicht?

Ein Schelm wer denkt, es könnte etwas mit meiner Hautfarbe und dem Herkunftsland des Reisepasses zu tun haben?

Die richtige Antwort auf das Rätsel lautet:

A) Ich bin ein Flüchtling.

B) Ich bin von Beruf Medien-/Eventfuzzi. Zu DDR-Zeiten in einem der grössten deutschen Plattenbaugebiete Deutschlands gross geworden. Arbeite momentan im nicht-europäischen Ausland. Aka ich bin ein Expat.

C) Ich bin von Beruf Sohn/Tochter eines Diktators und lasse es mir woanders in einer hübschen Demokratie gut gehen.

PS: Das war jetzt sehr überzogen, undifferenzierte Begriffswahl und polemisch, dessen bin ich mir bewusst. Allerdings kann man bei einigen Nachrichten aus Deutschland und Europa, Kommentaren im Netz und Aktionen auf der Strasse schon beinahe nicht einmal mehr K***en.

Neuer Lesestoff – noch mehr Graphic Novels

Juni 16th, 2015 - 

 

Diese beiden Bücher habe ich gebraucht, aber in sehr gutem Zustand bei einem Rebuy-Anbieter über Amazon geshoppt. „Maus“ gilt wohl als eine Art Standardwerk in der Kategorie ernsthafter Comics (kann man das so sagen?) bzw. Graphic Novels. „Im Westen nichts Neues“ hat mich als grafische Umsetzung interessiert. Später mehr dazu.

Hip! Hipster! Super!

Mai 29th, 2015 - 

Biz Stone, einer der Gründer von Twitter, hat ein neues Baby am Start. Es ist SUPER. Ja genau. Es heißt Super. Und man findet es auf super.me. Das Ganze ist natürlich noch ganz hip und deshalb aktuell nur als iPhone-App zu haben. Drin steckt, was in ist: quadratische Bildchen und ein wenig Text drauf.

  
Etwas präziser ist das dann ein soziales Netzwerk, in dem man einen Text auf ein Foto schreibt und das Ganze mit Hashtags versehen kann. Dabei kann auch Content im Netz verlinken, wie Youtube-Videos oder Webseiten.

Das Posten funktioniert in drei Schritten:

– Einen vorgegebenen Starttext wählen, den eigenen Text hinzufügen.
– Hashtags einfügen.
– Ein Foto aussuchen – entweder aus einer vorgeschlagenen Bibliothek oder aus dem eigene iPhone.

Und letztendlich posten.

Die Benutzung der App kommt recht intuitiv daher. Im Laufe der Zeit kann man trotzdem noch einiges anpassen.

Viel spannender finde ich jedoch den Ansatz der App: Bilder, Text, Hashtags und externe Links. Das ist die Kreuzung aus Instagram, dem längst vergessenen Amen und externe Links – einem Nachteil von Instagram, wo man Links bisher nicht sinnvoll einfügen konnte. Darüber hinaus kann man seine Kreativergüsse auch noch in anderen sozialen Netzwerken teilen, heute wohl ein Must-Hace als ein Feature.

Bisher ist das Netzwerk kaum aus der Deckung gekommen und eher klein. Die oben beschriebene Zusammenstellung von Features sieht zuerst nett aus. Auf Dauer wird das aber doch eintönig. Ständig zwanghaft Schrift auf den Bildern? Nervt vermutlich recht schnell.

Interessant ist die Kombination aus Bild, Text, Hashtag und Link natürlich für das Marketing. Wenn ein paar große Brands bei Super ein paar kreative Wettbewerbe starten wollen, wäre das sicherlich ganz lustig. Risiko: User generierte Inhalte, die eher gegen den Contest-Veranstalter gerichtet sind. Sowas muss man dann schon mal aushalten oder vielleicht doch ganz lassen.

Fazit: Super ist eine Spielerei, im Moment nicht mehr als das. Hinter Marketing-Brille sieht das ganz gut aus, hat Potenzial. Da der Wurm aber dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss, braucht es erst mal NutzerInnen. Dann kann man als Werber auch mit interessanten Themen ködern.

Ich bin gespannt, ob und wie sich Super entwickeln wird. Neulich schrieb ich kurz über die Video-App Vessel. So richtig viel mehr hab ich seit dem auch nicht mehr gehört…

Der neue Luxus – ein Leben ohne Tracking

Mai 27th, 2015 - 

Mit dem Internet kam und kommt viel Neues. Das ist ein Phrase, die nicht neu ist. Nicht neu ist auch, dass dieses Internet sehr viel für die Vernetzung der Menschen tun kann. Desktop-Computer vernetzten Computer. Laptops, Smartphones und Tablets vernetzten zusätzlich die Menschen und inzwischen vernetzen verschiedensten Chips Menschen, Uhren und Maschinen.

Auch Autos sind nun vernetzt bzw. werden immer mehr vernetzt. So können Fahrzeugdaten helfen, den Verkehrsfluß zu verbessern. Oder die BesitzerInnen erfahren rechtzeitig, wenn Bauteile in ihrem Fahrzeug ausgetauscht werden sollten und wo die passende Werkstatt zum guten Preis und mit schneller Problemlösung zu finden ist. Und diese zwei Beispiele sind nur der Anfang.

Generell werden Maschinen in naher Zukunft immer enger zusammenrücken und somit effizienter, schneller und präziser arbeiten können. Uhren und Fitnessbänder tracken die Vitalwerte von Menschen und erstellen Bewegungsprofile mithilfe von ziemlich ausgeklügelten Apps.

Doch wer braucht all diese Daten? Neben den Menschen selbst, sind diese Daten das „neue Gold“ im Zeitalter des Internets der Dinge. So nennt man die oben beschriebenen Szenarien. Dinge, also Maschinen und Produkte werden über das Internet mobil oder per Wlan vernetzt. Diese Vernetzung macht das Sammeln von Daten „einfach“. Wenn man über die großen Datenmengen dann verfügt, kann man daraus Rückschlüsse ziehen.

Diese Rückschlüsse ergeben – im besten Fall – neue Geschäftsmodelle. Und da sind wir dann auch schon beim Thema Luxus. Zwei erste Beispiel illustrieren, wie Tracking zu günstigeren Versicherungstarifen führt ODER umgekehrt: Wie das Verzichten von Tracking keine Ersparnis bringt.

Der Autoversicherer Huk-Coburg testet gerade sogenannte Telematik-Tarife (Quelle >>). Dabei sollen Fahrzeugdaten, die permanent dafür aus den Sensoren der Fahrzeuge ausgelesen werden, für die Analyse des Fahrverhaltens ausgewertet werden. Wenn der Versicherungsalgorithmus grünes Licht gibt, die Fahrzeugdaten also auf positives Fahrverhalten schließen lassen, sollen den Versicherten Boni eingeräumt werden.

Der Versicherungskonzern Generali bietet ersten Versicherten an, dass sie mithilfe einer App ihren Lebenstil dokumentieren und die anfallenden Daten dem Versicherer zur Verfügung stellen (Quelle >>). Im ersten Schritt erhalten die Nutzer der App kleine Vorteile, wie Rabatte und Gutscheine. Im nächsten Schritt sollen dann die Versicherungstarife für diese Personen günstiger werden.

Zur Zeit arbeiten in der Versicherungsbranche zahlreiche Player an Versicherungstarifen auf der Basis großer Datensätze (Big Data). Mit dem Voranschreiten der Vernetzung werden somit immer mehr Daten anfallen, die immer feinere und genauere Interpretationen auf das Verhalten von Menschen zulassen. Die Interpretationen führen zwangsläufig zu Sanktionierung. So wie oben beschrieben. Denn wenn ich meine Daten nicht zur Verfügung stelle, bekomme ich auch keine Vergünstigungen oder Goodies.

Das muss ich mir auf Dauer dann leisten können – oder eben wirklich wollen. Will ich einen Großteil meiner Daten „behalten“, muss ich also im ersten Schritt auf Vorteile verzichten. Wenn ich dem Tracken meiner Daten entsage, kann es also in der Zukunft teurer für mich werden – im Verhältnis zu den Menschen, die Unternehmen ihre Daten überlassen.

Es wird somit zum Luxus, die eigenen Daten nicht an Dritte zu geben. Eventuell ist es aber genau der Luxus, den ich vielleicht in Zukunft möchte: Ein Leben ohne die andauernde Überwachung meines Verhaltens und meiner Vitalwerte.

Abschied von Bernte

Mai 1st, 2015 - 

kapelle

Lieber Bernd,

in dieser Woche fand deine Beisetzung statt. Draußen, vor der Stadt. Auf einem wunderschönen Friedhof, den du dir als den Ort deiner letzten Ruhe gewünscht haben sollst.

Es kamen viele Menschen. Sehr viele. Und sie waren so wunderbar verschieden. Ich glaube, es waren alle Haarfarben, Frisuren, Batches, Kutten und Docs zu sehen, die die Welt der Punks zu bieten hat. Dazwischen standen wir, ein paar alte FreundInnen und Bekannte, die wir dich oft schon sehr lange kannten und irgendwie doch nur noch wenig Kontakt hatten. Wir saßen und standen hinten, gaben unbewusst den Leuten den Raum, die dir vermutlich in den letzten Jahren viel näher waren. Es war schön zu sehen, dass es offenbar so viele waren.

Es war die letzte Ehre, die Dir die Menschen erweisen wollten, die mich auch auf alte FreundInnen treffen ließ. Und ohne viele Worte gab es da die kleinen Erinnerungen an ganz alltägliche Begegnungen mit Dir. Danke dafür.

Während der Trauerfeier und auch jetzt beim Schreiben dieses Textes liefen und laufen mir die Tränen. Befreiende Tränen. Tränen, die mir zeigen, dass Emotionen dann doch irgendwie das sind, was uns zu Menschen macht. Danke dafür.

Natürlich wird die Erinnerung an Dich verblassen. Sicherlich werden wir Alle wieder zu einer Normalität zurückkehren, aber manchmal werden wir Deine Entscheidung vielleicht doch als kleinen Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und eigene – hoffentlich positive – Schlüsse daraus ziehen. Danke dafür.

Der kleine Schnipsel Ironie des Lebens warf mir dann wieder ein Lächeln ins Gesicht, als ich nach Deiner Beisetzung – auf dem Weg nach Hause – bemerkte, dass Du mir meine erste echt-christliche Beisetzung untergejubelt hast. Ausgerechnet der Punk zeigt dem Spießer, wie schön solch ein Ritual sein kann, wenn es denn von einem Seelsorger durchgeführt wird, der Dich wirklich kannte. Ich danke Dir auch dafür.

Egal wo du jetzt bist, ob nur auf dem Friedhof oder doch in einer spirituell anderen Ebene, ich hoffe Du findest dort die Ruhe, die Wärme und den Frieden, die Du Dir zu Lebzeiten gewünscht hast.

Vielen Dank Bernte für die paar Momente, die wir hatten.

Jens

PS: Deine Schwester hat das passende Lied für Dich gesungen. Besser geht es nicht!

[youtube]https://www.youtube.com/watch?v=sOzMWu0awMY[/youtube]

Wearables – warum eigentlich?

April 14th, 2015 - 

  

Bis vor gut drei oder vier Jahren habe ich regelmäßig versucht, die Apple-Events zu Produkt-Vorstellungen so live wie möglich über digitale Medien zu verfolgen. Inzwischen ist das nur noch ganz selten der Fall. Die neue Apple Watch interessierte mich dann doch.

Mein digitales Arbeitsumfeld ist komplett auf Apple-Produkte ausgelegt. Oft sind sie nicht mehr die aktuellste Generation, aber sie sind eben alle vom kalifornischen Hersteller aus chinesischer Produktion. Und so wollte ich auch wissen, was es mit der Uhr auf sich haben wird.

Mich erstaunte zuerst die intensive Präsentation, die im Netz mit einem ausgefeilten Live-Stream, einem sehr attraktiv aufgesetzten Live-Blog und verdammt hochwertig aussehenden Präsentationsvideos sicherlich einen neuen Maßstab von Liveberichterstattung aus Sicht eines Unternehmens aufgezeigt haben dürfte.

Inzwischen weiß ich doch einiges über die Uhr und die sehr informative Apple Watch Review von Nilay Patel hat dazu sehr viel beigtragen. Die Uhr wird also nicht ohne mein iPhone wirklich vollwertig funktionieren. Das irritiert mich. Bin ich doch anfangs davon ausgegangen, dass die Uhr eine eigene Sim-Karte in sich tragen würde. Letztendlich ist sie so nur eine Art Anhängsel, die mir Zugang zu Informationen über mein Smartphone geben kann. Das überzeugt mich aktuell noch nicht.

Allerdings gibt es einen noch viel wichtigeren Punkt, der mich davon abhält ein Wearable, wie diese Uhr zu kaufen. Ich möchte nicht permanent getrackt und vermessen werden. Dabei geht es mir in erster Linie noch gar nicht um Datenschutz, sondern um die Punkt der Entspanntheit. Ich habe Bammel davor, ständig Informationen über meine Vitalwerte zu erhalten. Was ist, wenn sie sich als problematisch herausstellen? Renne ich dann nur noch zu Ärzten? Will ich das?

Ich bin noch nicht ganz 40 Jahre alt. Da muss ich natürlich über Vorsorge nachdenken. Das ist aber etwas anderes, als eine dauerhafte Überwachung meiner Körperfunktionen mitlaufen zu lassen. Ich möchte einfach Mensch sein und in Ruhe leben. Wenn das nicht so lang sein sollte, wie es anderen Menschen beschieden ist, dann wäre das doof. Andererseits möchte ich mir nicht meine Lebensweise von einem technischen Gerät tracken und später vielleicht auch vorhalten lassen.

Insofern ist meine aktuelle Einstellung zu Wearables bzw. deren Services eher ablehnend. Zum Einen fehlt mir der Mehrwert jenseits eines Smartphones und zum Anderen will ich die persönliche Datenaufzeichnung nicht.

On Topp kommt dann noch das Thema Datenschutz. Wer bekommt meine Daten? Apple? Verkauft Apple oder ein App-Anbieter meine Daten personalisiert an meine Versicherungen oder Krankenkasse? Habe ich überhaupt noch eine Hoheit über meine Daten?

Das sind teilweise sicherlich sehr kritische Fragen. Apple & Co können die dahinter stehenden Bedenken im Moment womöglich entkräften. Für die Zukunft ist das vermutlich nicht der Fall. Denn Daten sind das neue Öl. Um das alte, fossile Öl wurden und werden immer wieder Kriege geführt. Warum sollte es – sicherlich mit anderen Mitteln – nicht auch Kriege um digitales Öl geben? Die Vergangenheit lehrt mich, die meisten Opfer gibt es unter den ZivilistInnen. Im digitalen Zeitalter sind die ZivilistInnen sicherlich die KonsumentInnen und damit NutzerInnen von Wearables, Smartphones, Social Networks und Co.

Deshalb werde ich trotzdem nicht aus der digitalen Welt aussteigen. Aber im Verhältnis zu vor nur wenigen Jahren, gehe ich immer vorsichtiger mit meiner digitalen Identität um – auch wenn mir das nur in Teilen gelingen wird.