Ein Bienchen für die Konservativen!

September 4th, 2015 - 

Ausgerechnet Herr Bosbach echauffiert sich dieser Tage im Deutschlandfunk über mangelnde Solidarität europäischer Staaten in Bezug auf die Flüchtlingssituation.

Das ist lustig. Sind es doch die konservativen europäischen Parteien/Regierungen, die immer wieder Angst gegenüber EinwanderInnen und Flüchtlingen schüren. Terrorismus, Islamismus, „Asylmissbrauch“ und Verlustängste der Mittelschicht werden insbesondere von Konservativen herangezogen, wenn es vermeintliche Argumente für verschärfte Gesetze, Überwachung und Sozialkürzungen braucht.

Allerdings ist Wolfgang Bosbachs Linie auch sehr nachvollziehbar und konsistent. Als es um die Bankenkrise und verschiedene Schuldenkrisen ging, verwiesen insbesondere die deutschen Konservativen gern auf die ausländischen Regierungen und Banken, um „Schuldige“ für die Probleme zu präsentieren.

Natürlich konnte die Flüchtlingsproblematik in großen Teilen vorhergesehen werden. Wozu sind denn sonst Nachrichtendienste, das diplomatische Korps und Innen- und Außenministerium da? Sie liefern genau solche Erkenntnisse – oder doch nicht? Ich gehe jedenfalls davon aus, dass die Bundesregierung wusste, dass eine große Flüchtlingswelle auf Europa zukommen wird. Man hätte also frühzeitig in die Kommunikation einsteigen können, wenn man denn gewollt hätte. Die Gesellschaft hätte von den von ihr gewählten VertreterInnen informiert werden können.

Dieses frühzeitige Informieren und Dialog führen, ist – aus meiner Sicht – bisher äußerst selten von der Bundesregierung getan worden. Es wird auf die Eskalation gewartet. Der Grund dafür scheint mir recht einfach: Es ist schlicht zielführender für Konservative, in einer eskalierenden Situation die eigenen, konservativen und strengen Maßnahmen zu verargumentieren, als in einer für die Gesellschaft entspannten Lage. Jetzt, also in einer schwierigen Zeit, können Grundgesetzänderungen und Asylgesetzverschärfungen als pragmatische und wichtige Lösungen präsentiert werden. Allerdings sind sie nicht pragmatisch, sondern dienen ganz klar der Agenda der Konservativen: Gesetze so zurechtschrauben, dass sie für die eigene politische Vision taugen.

Und was macht die deutsche Gesellschaft? Einige Leute helfen den Menschen in Not, die Mehrheit schweigt jedoch – ist mein Eindruck. Die Konservativen machen also alles richtig. Ob das gut ist, steht in der Politik nicht zur Debatte.

Rätsel

August 27th, 2015 - 

Was oder wer bin ich? Ich komme aus einer Gegend, die wirtschaftlich nicht so den rosigsten Ruf hat. Manchmal sagen Leute, ich hätte meine Kindheit in einer Diktatur verbracht. Viele reagieren oft noch mit Vorurteilen über Menschen, die dort wohnen (=Sozialschmarotzer, dumm, unakzeptable politische Einstellung, kriminell). Die meisten, mit denen ich dort aufgewachsen bin, sind inzwischen dort weg. Wegen besserer Berufsperspektiven und Lebensbedingungen anderswo.

Ich besitze einen Ausländerausweis und eine befristete Arbeitserlaubnis. Ein Immigrant bin ich aber nicht, auch kein Asylant. Ich habe keinen unbefristeten Arbeitsvertrag, sondern arbeite mal hier mal da und ziehe oft um. Projektmanagement heisst sowas heute, Mobilität im Zeitalter der Globalisierung ist wichtig, sagen sie. Ein Wanderarbeiter bin ich aber nicht. Oft arbeite ich sogar in anderen Ländern, weil es den Horizont erweitert und ich dort oft auch besser bezahlt werde. Karrieremachen nennt man das. Ein Wirtschaftsflüchtling bin ich aber nicht. Manchmal finden mich die Einheimischen doof, weil ich ihnen angeblich den Arbeitsplatz oder die Wohnung wegnehme, zur Gentrifizierung beitrage, ihre Sprache nicht richtig beherrsche und mich nicht hundertprozentig anpassen kann und möchte. Ein Gastarbeiter bin ich aber nicht. Auch wenn ich nicht immer so willkommen bin, schmeisst mir niemand Brandbomben vor die Haustür, beschmiert meine Strasse oder droht mir Gewalt an. Wieso eigentlich nicht?

Ein Schelm wer denkt, es könnte etwas mit meiner Hautfarbe und dem Herkunftsland des Reisepasses zu tun haben?

Die richtige Antwort auf das Rätsel lautet:

A) Ich bin ein Flüchtling.

B) Ich bin von Beruf Medien-/Eventfuzzi. Zu DDR-Zeiten in einem der grössten deutschen Plattenbaugebiete Deutschlands gross geworden. Arbeite momentan im nicht-europäischen Ausland. Aka ich bin ein Expat.

C) Ich bin von Beruf Sohn/Tochter eines Diktators und lasse es mir woanders in einer hübschen Demokratie gut gehen.

PS: Das war jetzt sehr überzogen, undifferenzierte Begriffswahl und polemisch, dessen bin ich mir bewusst. Allerdings kann man bei einigen Nachrichten aus Deutschland und Europa, Kommentaren im Netz und Aktionen auf der Strasse schon beinahe nicht einmal mehr K***en.

Neuer Lesestoff – noch mehr Graphic Novels

Juni 16th, 2015 - 

 

Diese beiden Bücher habe ich gebraucht, aber in sehr gutem Zustand bei einem Rebuy-Anbieter über Amazon geshoppt. „Maus“ gilt wohl als eine Art Standardwerk in der Kategorie ernsthafter Comics (kann man das so sagen?) bzw. Graphic Novels. „Im Westen nichts Neues“ hat mich als grafische Umsetzung interessiert. Später mehr dazu.

Hip! Hipster! Super!

Mai 29th, 2015 - 

Biz Stone, einer der Gründer von Twitter, hat ein neues Baby am Start. Es ist SUPER. Ja genau. Es heißt Super. Und man findet es auf super.me. Das Ganze ist natürlich noch ganz hip und deshalb aktuell nur als iPhone-App zu haben. Drin steckt, was in ist: quadratische Bildchen und ein wenig Text drauf.

  
Etwas präziser ist das dann ein soziales Netzwerk, in dem man einen Text auf ein Foto schreibt und das Ganze mit Hashtags versehen kann. Dabei kann auch Content im Netz verlinken, wie Youtube-Videos oder Webseiten.

Das Posten funktioniert in drei Schritten:

– Einen vorgegebenen Starttext wählen, den eigenen Text hinzufügen.
– Hashtags einfügen.
– Ein Foto aussuchen – entweder aus einer vorgeschlagenen Bibliothek oder aus dem eigene iPhone.

Und letztendlich posten.

Die Benutzung der App kommt recht intuitiv daher. Im Laufe der Zeit kann man trotzdem noch einiges anpassen.

Viel spannender finde ich jedoch den Ansatz der App: Bilder, Text, Hashtags und externe Links. Das ist die Kreuzung aus Instagram, dem längst vergessenen Amen und externe Links – einem Nachteil von Instagram, wo man Links bisher nicht sinnvoll einfügen konnte. Darüber hinaus kann man seine Kreativergüsse auch noch in anderen sozialen Netzwerken teilen, heute wohl ein Must-Hace als ein Feature.

Bisher ist das Netzwerk kaum aus der Deckung gekommen und eher klein. Die oben beschriebene Zusammenstellung von Features sieht zuerst nett aus. Auf Dauer wird das aber doch eintönig. Ständig zwanghaft Schrift auf den Bildern? Nervt vermutlich recht schnell.

Interessant ist die Kombination aus Bild, Text, Hashtag und Link natürlich für das Marketing. Wenn ein paar große Brands bei Super ein paar kreative Wettbewerbe starten wollen, wäre das sicherlich ganz lustig. Risiko: User generierte Inhalte, die eher gegen den Contest-Veranstalter gerichtet sind. Sowas muss man dann schon mal aushalten oder vielleicht doch ganz lassen.

Fazit: Super ist eine Spielerei, im Moment nicht mehr als das. Hinter Marketing-Brille sieht das ganz gut aus, hat Potenzial. Da der Wurm aber dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss, braucht es erst mal NutzerInnen. Dann kann man als Werber auch mit interessanten Themen ködern.

Ich bin gespannt, ob und wie sich Super entwickeln wird. Neulich schrieb ich kurz über die Video-App Vessel. So richtig viel mehr hab ich seit dem auch nicht mehr gehört…

Der neue Luxus – ein Leben ohne Tracking

Mai 27th, 2015 - 

Mit dem Internet kam und kommt viel Neues. Das ist ein Phrase, die nicht neu ist. Nicht neu ist auch, dass dieses Internet sehr viel für die Vernetzung der Menschen tun kann. Desktop-Computer vernetzten Computer. Laptops, Smartphones und Tablets vernetzten zusätzlich die Menschen und inzwischen vernetzen verschiedensten Chips Menschen, Uhren und Maschinen.

Auch Autos sind nun vernetzt bzw. werden immer mehr vernetzt. So können Fahrzeugdaten helfen, den Verkehrsfluß zu verbessern. Oder die BesitzerInnen erfahren rechtzeitig, wenn Bauteile in ihrem Fahrzeug ausgetauscht werden sollten und wo die passende Werkstatt zum guten Preis und mit schneller Problemlösung zu finden ist. Und diese zwei Beispiele sind nur der Anfang.

Generell werden Maschinen in naher Zukunft immer enger zusammenrücken und somit effizienter, schneller und präziser arbeiten können. Uhren und Fitnessbänder tracken die Vitalwerte von Menschen und erstellen Bewegungsprofile mithilfe von ziemlich ausgeklügelten Apps.

Doch wer braucht all diese Daten? Neben den Menschen selbst, sind diese Daten das „neue Gold“ im Zeitalter des Internets der Dinge. So nennt man die oben beschriebenen Szenarien. Dinge, also Maschinen und Produkte werden über das Internet mobil oder per Wlan vernetzt. Diese Vernetzung macht das Sammeln von Daten „einfach“. Wenn man über die großen Datenmengen dann verfügt, kann man daraus Rückschlüsse ziehen.

Diese Rückschlüsse ergeben – im besten Fall – neue Geschäftsmodelle. Und da sind wir dann auch schon beim Thema Luxus. Zwei erste Beispiel illustrieren, wie Tracking zu günstigeren Versicherungstarifen führt ODER umgekehrt: Wie das Verzichten von Tracking keine Ersparnis bringt.

Der Autoversicherer Huk-Coburg testet gerade sogenannte Telematik-Tarife (Quelle >>). Dabei sollen Fahrzeugdaten, die permanent dafür aus den Sensoren der Fahrzeuge ausgelesen werden, für die Analyse des Fahrverhaltens ausgewertet werden. Wenn der Versicherungsalgorithmus grünes Licht gibt, die Fahrzeugdaten also auf positives Fahrverhalten schließen lassen, sollen den Versicherten Boni eingeräumt werden.

Der Versicherungskonzern Generali bietet ersten Versicherten an, dass sie mithilfe einer App ihren Lebenstil dokumentieren und die anfallenden Daten dem Versicherer zur Verfügung stellen (Quelle >>). Im ersten Schritt erhalten die Nutzer der App kleine Vorteile, wie Rabatte und Gutscheine. Im nächsten Schritt sollen dann die Versicherungstarife für diese Personen günstiger werden.

Zur Zeit arbeiten in der Versicherungsbranche zahlreiche Player an Versicherungstarifen auf der Basis großer Datensätze (Big Data). Mit dem Voranschreiten der Vernetzung werden somit immer mehr Daten anfallen, die immer feinere und genauere Interpretationen auf das Verhalten von Menschen zulassen. Die Interpretationen führen zwangsläufig zu Sanktionierung. So wie oben beschrieben. Denn wenn ich meine Daten nicht zur Verfügung stelle, bekomme ich auch keine Vergünstigungen oder Goodies.

Das muss ich mir auf Dauer dann leisten können – oder eben wirklich wollen. Will ich einen Großteil meiner Daten „behalten“, muss ich also im ersten Schritt auf Vorteile verzichten. Wenn ich dem Tracken meiner Daten entsage, kann es also in der Zukunft teurer für mich werden – im Verhältnis zu den Menschen, die Unternehmen ihre Daten überlassen.

Es wird somit zum Luxus, die eigenen Daten nicht an Dritte zu geben. Eventuell ist es aber genau der Luxus, den ich vielleicht in Zukunft möchte: Ein Leben ohne die andauernde Überwachung meines Verhaltens und meiner Vitalwerte.

Abschied von Bernte

Mai 1st, 2015 - 

kapelle

Lieber Bernd,

in dieser Woche fand deine Beisetzung statt. Draußen, vor der Stadt. Auf einem wunderschönen Friedhof, den du dir als den Ort deiner letzten Ruhe gewünscht haben sollst.

Es kamen viele Menschen. Sehr viele. Und sie waren so wunderbar verschieden. Ich glaube, es waren alle Haarfarben, Frisuren, Batches, Kutten und Docs zu sehen, die die Welt der Punks zu bieten hat. Dazwischen standen wir, ein paar alte FreundInnen und Bekannte, die wir dich oft schon sehr lange kannten und irgendwie doch nur noch wenig Kontakt hatten. Wir saßen und standen hinten, gaben unbewusst den Leuten den Raum, die dir vermutlich in den letzten Jahren viel näher waren. Es war schön zu sehen, dass es offenbar so viele waren.

Es war die letzte Ehre, die Dir die Menschen erweisen wollten, die mich auch auf alte FreundInnen treffen ließ. Und ohne viele Worte gab es da die kleinen Erinnerungen an ganz alltägliche Begegnungen mit Dir. Danke dafür.

Während der Trauerfeier und auch jetzt beim Schreiben dieses Textes liefen und laufen mir die Tränen. Befreiende Tränen. Tränen, die mir zeigen, dass Emotionen dann doch irgendwie das sind, was uns zu Menschen macht. Danke dafür.

Natürlich wird die Erinnerung an Dich verblassen. Sicherlich werden wir Alle wieder zu einer Normalität zurückkehren, aber manchmal werden wir Deine Entscheidung vielleicht doch als kleinen Wink mit dem Zaunpfahl verstehen und eigene – hoffentlich positive – Schlüsse daraus ziehen. Danke dafür.

Der kleine Schnipsel Ironie des Lebens warf mir dann wieder ein Lächeln ins Gesicht, als ich nach Deiner Beisetzung – auf dem Weg nach Hause – bemerkte, dass Du mir meine erste echt-christliche Beisetzung untergejubelt hast. Ausgerechnet der Punk zeigt dem Spießer, wie schön solch ein Ritual sein kann, wenn es denn von einem Seelsorger durchgeführt wird, der Dich wirklich kannte. Ich danke Dir auch dafür.

Egal wo du jetzt bist, ob nur auf dem Friedhof oder doch in einer spirituell anderen Ebene, ich hoffe Du findest dort die Ruhe, die Wärme und den Frieden, die Du Dir zu Lebzeiten gewünscht hast.

Vielen Dank Bernte für die paar Momente, die wir hatten.

Jens

PS: Deine Schwester hat das passende Lied für Dich gesungen. Besser geht es nicht!

YouTube Preview Image

Wearables – warum eigentlich?

April 14th, 2015 - 

  

Bis vor gut drei oder vier Jahren habe ich regelmäßig versucht, die Apple-Events zu Produkt-Vorstellungen so live wie möglich über digitale Medien zu verfolgen. Inzwischen ist das nur noch ganz selten der Fall. Die neue Apple Watch interessierte mich dann doch.

Mein digitales Arbeitsumfeld ist komplett auf Apple-Produkte ausgelegt. Oft sind sie nicht mehr die aktuellste Generation, aber sie sind eben alle vom kalifornischen Hersteller aus chinesischer Produktion. Und so wollte ich auch wissen, was es mit der Uhr auf sich haben wird.

Mich erstaunte zuerst die intensive Präsentation, die im Netz mit einem ausgefeilten Live-Stream, einem sehr attraktiv aufgesetzten Live-Blog und verdammt hochwertig aussehenden Präsentationsvideos sicherlich einen neuen Maßstab von Liveberichterstattung aus Sicht eines Unternehmens aufgezeigt haben dürfte.

Inzwischen weiß ich doch einiges über die Uhr und die sehr informative Apple Watch Review von Nilay Patel hat dazu sehr viel beigtragen. Die Uhr wird also nicht ohne mein iPhone wirklich vollwertig funktionieren. Das irritiert mich. Bin ich doch anfangs davon ausgegangen, dass die Uhr eine eigene Sim-Karte in sich tragen würde. Letztendlich ist sie so nur eine Art Anhängsel, die mir Zugang zu Informationen über mein Smartphone geben kann. Das überzeugt mich aktuell noch nicht.

Allerdings gibt es einen noch viel wichtigeren Punkt, der mich davon abhält ein Wearable, wie diese Uhr zu kaufen. Ich möchte nicht permanent getrackt und vermessen werden. Dabei geht es mir in erster Linie noch gar nicht um Datenschutz, sondern um die Punkt der Entspanntheit. Ich habe Bammel davor, ständig Informationen über meine Vitalwerte zu erhalten. Was ist, wenn sie sich als problematisch herausstellen? Renne ich dann nur noch zu Ärzten? Will ich das?

Ich bin noch nicht ganz 40 Jahre alt. Da muss ich natürlich über Vorsorge nachdenken. Das ist aber etwas anderes, als eine dauerhafte Überwachung meiner Körperfunktionen mitlaufen zu lassen. Ich möchte einfach Mensch sein und in Ruhe leben. Wenn das nicht so lang sein sollte, wie es anderen Menschen beschieden ist, dann wäre das doof. Andererseits möchte ich mir nicht meine Lebensweise von einem technischen Gerät tracken und später vielleicht auch vorhalten lassen.

Insofern ist meine aktuelle Einstellung zu Wearables bzw. deren Services eher ablehnend. Zum Einen fehlt mir der Mehrwert jenseits eines Smartphones und zum Anderen will ich die persönliche Datenaufzeichnung nicht.

On Topp kommt dann noch das Thema Datenschutz. Wer bekommt meine Daten? Apple? Verkauft Apple oder ein App-Anbieter meine Daten personalisiert an meine Versicherungen oder Krankenkasse? Habe ich überhaupt noch eine Hoheit über meine Daten?

Das sind teilweise sicherlich sehr kritische Fragen. Apple & Co können die dahinter stehenden Bedenken im Moment womöglich entkräften. Für die Zukunft ist das vermutlich nicht der Fall. Denn Daten sind das neue Öl. Um das alte, fossile Öl wurden und werden immer wieder Kriege geführt. Warum sollte es – sicherlich mit anderen Mitteln – nicht auch Kriege um digitales Öl geben? Die Vergangenheit lehrt mich, die meisten Opfer gibt es unter den ZivilistInnen. Im digitalen Zeitalter sind die ZivilistInnen sicherlich die KonsumentInnen und damit NutzerInnen von Wearables, Smartphones, Social Networks und Co.

Deshalb werde ich trotzdem nicht aus der digitalen Welt aussteigen. Aber im Verhältnis zu vor nur wenigen Jahren, gehe ich immer vorsichtiger mit meiner digitalen Identität um – auch wenn mir das nur in Teilen gelingen wird.

 

 

 

Ein kleines Stück Entdigitalisierung?

April 12th, 2015 - 

  

Über die Jahre haben meine Herzensdame und ich unsere Print-Abos abbestellt und bisher nicht durch konsequente Umwandlung in digitale Abos kompensiert. Selbst das teildigitale Abo von Lovefilm haben wir nicht in ein Amazon-Prime-Account umgemünzt, sondern komplett darauf verzichtet.

Bisher habe ich das nicht als wirklichen Verlust wahrgenommen. Dachte ich zumindest. Denn in den vergangenen Wochen kam es öfter vor, dass ich mir eine regionale Wochenend-Zeitung gewünscht habe. Meine Herzensdame möchte inzwischen gern die vierteljährlichen Sonderausgaben einer bestimmten Zeitschrift abonnieren und für unser größeres Kind hat sie ebenfalls ein Abo vorgeschlagen.

Ich bin ein ehemaliger Printler, hab ich doch meinen Weg in die Medien mit einer Ausbildung beim Axel Springer Verlag in Berlin begonnen. Später sammelte ich viele Jahre Erstausgaben von deutschen Magazinen. Ich liebe gutes Papier, ob ich meiner absurden Kunst nachgehe oder Magazine lese und betrachte.

Und trotzdem verdiene ich seit dem Jahr 2000 meinen Lebensunterhalt zum überwiegenden Teil mit dem digitalen Publizieren. Mein persönlicher Medienkonsum entwickelte sich seit der Jahrtausendwende ebenfalls weiter in Richtung digitaler Inhalte. Und so stehe ich, aber auch meine Herzensdame, inzwischen ohne Printabo da.

Unter der Woche sehe ich darin auch keinen Nachteil. Am Wochenende würde ich mich aber dann doch über eine analoge Postille im Briefkasten freuen. Zum Frühstück eine Zeitung. Eine Wochenend-Ausgabe, die mich retrospektiv über die wichtigen Themen der Woche mit tiefergehenden Berichten über die Hintergründe von Nachrichten aufklärt. Eine Zeitung, die mir Berlin wieder etwas näher bringt. So daß ich über die regionale Politik, Wirtschaft und Kultur auf dem Laufenden bleiben kann.

Früher hatten wir dafür die Taz. Eventuell wird sie es wieder werden, meine Wochenend-Zeitung. An den kommenden Wochenenden werde ich jedoch die Wochenend-Ausgaben der verschiedenen Berliner Tageszeitungen ausprobieren. Denn meine Ansprüche sind im Moment noch etwas diffus, da ich keines der Blätter bisher beurteilen kann.

Meine Herzensdame wird also bis zu vier Printausgaben einer Zeitschrift abonnieren. Unser Kind bekommt dann 14-tägig ein Magazin und kaufe mir eine Wochenend-Ausgabe. Alles Print.

Warum eigentlich?

Ich habe versucht, meinen recht spärlichen Buchkonsum der letzten Jahre mit einem Kindle anzukurbeln. Es hat nicht geklappt. Ein eBook, das ich gekauft habe und unbedingt lesen wollte, werde ich mir nun als Paperback nachkaufen und vermutlich schneller lesen.

Auf meinem iPad kann ich keine längeren Texte lesen. Das macht mir einfach keine Freude. Eine sinnvolle Berliner Onlinepublikation habe ich bisher nicht gefunden, die mich nach oben beschriebenem Muster gut informiert. Meine Herzensdame und unser größeres Kind lesen beide noch ausführlich auf Papier. Gemeinsam lieben sie die Besuche in der Bücherei.

Meine persönlichen Gründe für Print sind dabei recht banal. Ich möchte es entspannter, ruhiger und mit dem gemütlichen Rascheln von Papier. Und Papier gab mir bisher immer ein Gefühl von Endlichkeit. Habe ich ein Buch, ein Magazin oder eine Zeitung bis zum Ende gelesen, war da eben auch ein Ende. Meine partielle Entdigitalisierung soll mir also etwas Ruhe zurückbringen. Auch wenn ich noch gar nicht einschätzen kann, ob eine Wochenend-Zeitung dieses Bedürfnis befriedigt. Ein Versuch wird es zeigen und ich werde vielleicht darüber berichten.

Wie sieht es bei euch mit dem analogen Lesekonsum aus? Ich freue mich über Rückmeldungen in den Kommentaren.

Ruhe in Frieden, Bernte!

April 9th, 2015 - 

  An einem Dienstag im März hat sich Bernd das Leben genommen. Er war ein paar Jahre älter als ich. Er muss so kurz vor der Mitte 40 gestanden haben. Bernd war der Punkerladen-Besitzer, der an der Ecke Rigaer- und Samariterstraße eines der letzten Überbleibsel eines längt vergangenen Berlins war.

Um uns herum gentrifizierte der Friedrichshainer Kiez. Bernte betrieb trotzdem seinen Laden, organisierte Punkkonzerte, unterstützte Punkbands als Labelmacher und trat manchmal wohl noch selbst als Sänger von Punkbands auf. Mich verbinden zwei kleine Geschichten mit Bernd über ungefähr 20 Jahre. Beide sind die Brücken zwischen einem Spießer, wie mir, und einem der Mann, der für mich Punk als alternative Lebenseinstellung vertrat.

Wann Bernd und ich uns genau kennen lernten, weiß ich gar nicht mehr. Jedenfalls bewegten wir uns in der gleichen Jugendkultur in Berlin-Treptow. Meine Homebase war das „Audio„. Das ist heute noch ein Café in einem großen Jugendzentrum. Viele Freunde und ich bauten es seit 1994 auf. Im „Audio“ veranstalteten wir damals immer wieder Session-Abende mit Musikern und so müssen sich Bernd und ich über den Weg gelaufen sein. Er war der Punkrocksänger, ich der Indiepop-DJ. Wir verstanden uns, ohne enge Freunde zu werden.

Im Jahr 2000 gaben Die Toten Hosen und Die Ärzte einige Geheimkonzerte. In Berlin sollten beide Bands im SO36 auftreten. Meine ehemalige Freundin hatte über den Ärzte-Fanclub zwei Karten für einen echt schmalen Preis geschossen.

Wer das SO36 in Berlin-Kreuzberg kennt, weiß wie unpassend der Laden für diese beiden großen Bands eigentlich war. Zumindest wenn man an die Tickets denkt. Es gab viel zu wenige und ich war glücklich, eine Karte zu besitzen. Bernte hatte ich im „Audio“ von meinem Glück erzählt und er fragte mich, ob ich ihm mein Ticket für zwei Tage leihen würde. Ich vertraute ihm, also bekam er meine Karte.

Zwei Tage später stand er grinsend vor mir. Er zeigte mir ZWEI Karten und fragte mich, welche davon wohl mir gehören würde. Ich konnte es nur anhand eines klitzekleinen Schnittfehlers vermuten. Bernd hatte für sich und seine Freunde insgesamt 7 Tickets angefertigt. Jahre später erzählte er mir, wie er fieberhaft das Material zusammengesucht hatte, um Originalkarten mit Prägung nachzuahmen. Er hatte es geschafft und dabei mehr als den dreifachen Preis pro Karte aufwenden müssen.

Am Abend des Minifestivals trafen wir uns durch Zufall direkt am Einlaß des SO36. Wir zeigten unsere Karten vor und konnte beide passieren. Ich erinnere mich noch an unser fettes Grinsen.

Während des Gigs verloren wir uns aus den Augen. Doch zum Schluss des Hosen-Auftritts stand da plötzlich Bernte auf der Bühne, Arm in Arm mit Campino und gröllte den letzte Song. Mit gefälschtem Ticket bis auf die Bühne – das konnte nur Bernte schaffen.

Ein paar Jahre später ergab es sich, dass ich für die Platten- und Bookingfirma der Toten Hosen arbeitete. Ich war für ein paar Jahre der Tourmanager der Ohrbooten, einer Berliner Band, die bei den Hosen unter Vertrag stand. Und wieder ein paar Jahre später, die Ohrbooten waren schon nicht mehr bei den Hosen, wurde Bernte der neue Merchandiser der Ohrbooten. Er baute einen neuen Online-Shop für die  Kombo auf, kümmerte sich um Entwicklung und Vertrieb, war auf Touren mit einem ausgefeilten Merch-Stand dabei.

2013, ich war schon längst nicht mehr der Tourmanager der Ohrbooten, lud mich die Band ein, doch wieder mal für ein Wochenende in den Tourbus zu steigen. Einfach als Freund mitfahren. Und da ergab es sich, dass Bernd an einem Wochenende nicht als Merch-Mann mitfahren konnte. Ich wollte seinen Job übernehmen und ließ mir sein wirklich extrem fein ausgefeiltes Konzept erklären. Ich habe binnen zwei Stunden Gespräch so viel mehr über Fankultur gelernt, wie sonst nirgendwo. Und das, obwohl ich ja jahrelang selbst dabei war.

Ich habe Bernd hoffentlich würdig auf dem Tourwochenende vertreten. Zuerst spielten die Jungs auf einem kleinen Festival im Saarland, danach auf ganz großer Bühne auf dem Chiemsee-Reggae. Ich hatte eine wunderbare Zeit und war Bernd seitdem sehr dankbar.

In den letzten beiden Jahren lief ich fast täglich an seinem Laden vorbei, wir grüßten uns. Manchmal verhakelten wir uns in einem Gespräch über Musik, neue und alte Punkkultur oder endeten in kleinen gesellschaftspolitischen Debatten. Da kam ich dann schon mal eine Stunde später nach hause als gedacht.

Ende April wird Bernd nun beerdigt und ich finde hoffentlich die Zeit, ihm anständig „Good bye“ zu sagen. Seiner Familie, seinen engen FreundInnen und KollegInnen wünsche an dieser Stelle einfach nur ganz viel Kraft.

RB Leipzig – wo liegt eigentlich das Problem?

Februar 27th, 2015 - 
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Eines unserer Kids interessiert sich inzwischen recht brennend für Fußball und den BVB. Ich betone das, da ich selbst maximal ein wenig Fuppes spiele, wenn ich mit den Kids auf dem Spielplatz bin. Darüber hinaus bin ich nur Fan der Medienfigur Jürgen Klopp.

Jedenfalls taucht in letzter Zeit immer wieder die Diskussion um Red Bull und den RB Leipzig an den Rändern meiner Fußballwahrnehmung auf. Da mokieren sich die Menschen über den Kommerz, der beim Fuppes Einzug gehalten haben soll. Hoffenheim, Schalke, RB Leipzig tauchen als Vereinsnamen dann auf – oder zumindest schnappe ich es so auf.

Ich muss dann immer ein wenig in mich hineinschmunzeln. Denn, sind wir mal ehrlich, wo ist denn bitte vorher der Kommerz gewesen? Nicht bei Tante Fußball? Wo dann? Beim Gartenbau? In der Mittagspause? Oder bei Tante Emma im Laden?

Der gesamte Fußballzirkus hat sich – in meiner Wahrnehmung – doch schon immer um den Gott des Geldes gedreht? Nur ist es jetzt halt so viel auf einem Haufen, dass selbst Onkel Dagobert geldgeilen Schweiß auf der Stirn hätte und über Expansionspläne für seinen Geldspeicher nachdenken würde.

Money makes se wörld go round. So heißt es doch. Und wer mit den Bayern, Wolfsburgern oder Leverkusenern auf Augenhöhe mitspielen will, der muss halt eine extra große Tüte Cash mitbringen. In anderen Industriezweigen ist das ja nicht anders. Will man als Letzte/r in den Markt, hat man die höchsten Einstiegskosten oder ein wahrlich feistes und disruptives Geschäftsmodell.

Beim Fuppes bleibt also nur Geld, denn disruptiv ist das gar nix. Immer schön der Hierarchie nach. Und da muss man dann eben dicke Bündel mit Scheinchen in die Hand nehmen und einen Verein aufbauen. Läuft ja bei allen anderen Vereinen auch so, nur eben schon länger. Dortmund hat mal eine AG dafür gegründet – erinnere ich mich dunkel. Andere Vereine haben auch ihren Profifußball vom restlichen Vereinsdingens abgekoppelt, um „flexibler“ zu sein. Und wieder Andere lassen dieses Vereinsding gleich weg und ballern mit dem Geld von unten bis in die oberste Liga, siehe Hoffenheim.

Jetzt macht das also auch RB Leipzig seit ein paar Jahren. Geld rein, Trainerwechsel sobald das Ziel erste Bundesliga in Gefahr ist, teure Spielerkäufe um über Liga-Niveau zu sein. Bisher klappte das wohl ganz gut. Mal sehen, wie es zum Ende der Saison aussieht. Bleibt man doch mal ein Jahr länger in der zweiten Liga oder eben nicht. Im Moment sieht alles nach einer Ehrenrunde aus.

Das ist doch spannend. Denn es zeigt ja irgendwie, dass blankes Zusammenkaufen noch kein Team macht. Hat ja bei Hoffenheim bis jetzt auch nicht zum Titel gereicht. Das System Fußballzirkus bleibt also doch etwas mit Herz, denn auch das Blut – aka Geld – kann so manchen Schnupfen nicht einfach aushalten.

tl;dr

In ein System aus Geld kann man nur noch mehr Geld stecken, wenn man schnell oben mitspielen will. Also finde ich den Weg von RB Leipzig nur ehrlich.

ps: Wichtigster Fußballblog ever: falscheneun.net >>