Ein kleines Stück Entdigitalisierung?

April 12th, 2015 - 

  

Über die Jahre haben meine Herzensdame und ich unsere Print-Abos abbestellt und bisher nicht durch konsequente Umwandlung in digitale Abos kompensiert. Selbst das teildigitale Abo von Lovefilm haben wir nicht in ein Amazon-Prime-Account umgemünzt, sondern komplett darauf verzichtet.

Bisher habe ich das nicht als wirklichen Verlust wahrgenommen. Dachte ich zumindest. Denn in den vergangenen Wochen kam es öfter vor, dass ich mir eine regionale Wochenend-Zeitung gewünscht habe. Meine Herzensdame möchte inzwischen gern die vierteljährlichen Sonderausgaben einer bestimmten Zeitschrift abonnieren und für unser größeres Kind hat sie ebenfalls ein Abo vorgeschlagen.

Ich bin ein ehemaliger Printler, hab ich doch meinen Weg in die Medien mit einer Ausbildung beim Axel Springer Verlag in Berlin begonnen. Später sammelte ich viele Jahre Erstausgaben von deutschen Magazinen. Ich liebe gutes Papier, ob ich meiner absurden Kunst nachgehe oder Magazine lese und betrachte.

Und trotzdem verdiene ich seit dem Jahr 2000 meinen Lebensunterhalt zum überwiegenden Teil mit dem digitalen Publizieren. Mein persönlicher Medienkonsum entwickelte sich seit der Jahrtausendwende ebenfalls weiter in Richtung digitaler Inhalte. Und so stehe ich, aber auch meine Herzensdame, inzwischen ohne Printabo da.

Unter der Woche sehe ich darin auch keinen Nachteil. Am Wochenende würde ich mich aber dann doch über eine analoge Postille im Briefkasten freuen. Zum Frühstück eine Zeitung. Eine Wochenend-Ausgabe, die mich retrospektiv über die wichtigen Themen der Woche mit tiefergehenden Berichten über die Hintergründe von Nachrichten aufklärt. Eine Zeitung, die mir Berlin wieder etwas näher bringt. So daß ich über die regionale Politik, Wirtschaft und Kultur auf dem Laufenden bleiben kann.

Früher hatten wir dafür die Taz. Eventuell wird sie es wieder werden, meine Wochenend-Zeitung. An den kommenden Wochenenden werde ich jedoch die Wochenend-Ausgaben der verschiedenen Berliner Tageszeitungen ausprobieren. Denn meine Ansprüche sind im Moment noch etwas diffus, da ich keines der Blätter bisher beurteilen kann.

Meine Herzensdame wird also bis zu vier Printausgaben einer Zeitschrift abonnieren. Unser Kind bekommt dann 14-tägig ein Magazin und kaufe mir eine Wochenend-Ausgabe. Alles Print.

Warum eigentlich?

Ich habe versucht, meinen recht spärlichen Buchkonsum der letzten Jahre mit einem Kindle anzukurbeln. Es hat nicht geklappt. Ein eBook, das ich gekauft habe und unbedingt lesen wollte, werde ich mir nun als Paperback nachkaufen und vermutlich schneller lesen.

Auf meinem iPad kann ich keine längeren Texte lesen. Das macht mir einfach keine Freude. Eine sinnvolle Berliner Onlinepublikation habe ich bisher nicht gefunden, die mich nach oben beschriebenem Muster gut informiert. Meine Herzensdame und unser größeres Kind lesen beide noch ausführlich auf Papier. Gemeinsam lieben sie die Besuche in der Bücherei.

Meine persönlichen Gründe für Print sind dabei recht banal. Ich möchte es entspannter, ruhiger und mit dem gemütlichen Rascheln von Papier. Und Papier gab mir bisher immer ein Gefühl von Endlichkeit. Habe ich ein Buch, ein Magazin oder eine Zeitung bis zum Ende gelesen, war da eben auch ein Ende. Meine partielle Entdigitalisierung soll mir also etwas Ruhe zurückbringen. Auch wenn ich noch gar nicht einschätzen kann, ob eine Wochenend-Zeitung dieses Bedürfnis befriedigt. Ein Versuch wird es zeigen und ich werde vielleicht darüber berichten.

Wie sieht es bei euch mit dem analogen Lesekonsum aus? Ich freue mich über Rückmeldungen in den Kommentaren.

Ruhe in Frieden, Bernte!

April 9th, 2015 - 

  An einem Dienstag im März hat sich Bernd das Leben genommen. Er war ein paar Jahre älter als ich. Er muss so kurz vor der Mitte 40 gestanden haben. Bernd war der Punkerladen-Besitzer, der an der Ecke Rigaer- und Samariterstraße eines der letzten Überbleibsel eines längt vergangenen Berlins war.

Um uns herum gentrifizierte der Friedrichshainer Kiez. Bernte betrieb trotzdem seinen Laden, organisierte Punkkonzerte, unterstützte Punkbands als Labelmacher und trat manchmal wohl noch selbst als Sänger von Punkbands auf. Mich verbinden zwei kleine Geschichten mit Bernd über ungefähr 20 Jahre. Beide sind die Brücken zwischen einem Spießer, wie mir, und einem der Mann, der für mich Punk als alternative Lebenseinstellung vertrat.

Wann Bernd und ich uns genau kennen lernten, weiß ich gar nicht mehr. Jedenfalls bewegten wir uns in der gleichen Jugendkultur in Berlin-Treptow. Meine Homebase war das „Audio„. Das ist heute noch ein Café in einem großen Jugendzentrum. Viele Freunde und ich bauten es seit 1994 auf. Im „Audio“ veranstalteten wir damals immer wieder Session-Abende mit Musikern und so müssen sich Bernd und ich über den Weg gelaufen sein. Er war der Punkrocksänger, ich der Indiepop-DJ. Wir verstanden uns, ohne enge Freunde zu werden.

Im Jahr 2000 gaben Die Toten Hosen und Die Ärzte einige Geheimkonzerte. In Berlin sollten beide Bands im SO36 auftreten. Meine ehemalige Freundin hatte über den Ärzte-Fanclub zwei Karten für einen echt schmalen Preis geschossen.

Wer das SO36 in Berlin-Kreuzberg kennt, weiß wie unpassend der Laden für diese beiden großen Bands eigentlich war. Zumindest wenn man an die Tickets denkt. Es gab viel zu wenige und ich war glücklich, eine Karte zu besitzen. Bernte hatte ich im „Audio“ von meinem Glück erzählt und er fragte mich, ob ich ihm mein Ticket für zwei Tage leihen würde. Ich vertraute ihm, also bekam er meine Karte.

Zwei Tage später stand er grinsend vor mir. Er zeigte mir ZWEI Karten und fragte mich, welche davon wohl mir gehören würde. Ich konnte es nur anhand eines klitzekleinen Schnittfehlers vermuten. Bernd hatte für sich und seine Freunde insgesamt 7 Tickets angefertigt. Jahre später erzählte er mir, wie er fieberhaft das Material zusammengesucht hatte, um Originalkarten mit Prägung nachzuahmen. Er hatte es geschafft und dabei mehr als den dreifachen Preis pro Karte aufwenden müssen.

Am Abend des Minifestivals trafen wir uns durch Zufall direkt am Einlaß des SO36. Wir zeigten unsere Karten vor und konnte beide passieren. Ich erinnere mich noch an unser fettes Grinsen.

Während des Gigs verloren wir uns aus den Augen. Doch zum Schluss des Hosen-Auftritts stand da plötzlich Bernte auf der Bühne, Arm in Arm mit Campino und gröllte den letzte Song. Mit gefälschtem Ticket bis auf die Bühne – das konnte nur Bernte schaffen.

Ein paar Jahre später ergab es sich, dass ich für die Platten- und Bookingfirma der Toten Hosen arbeitete. Ich war für ein paar Jahre der Tourmanager der Ohrbooten, einer Berliner Band, die bei den Hosen unter Vertrag stand. Und wieder ein paar Jahre später, die Ohrbooten waren schon nicht mehr bei den Hosen, wurde Bernte der neue Merchandiser der Ohrbooten. Er baute einen neuen Online-Shop für die  Kombo auf, kümmerte sich um Entwicklung und Vertrieb, war auf Touren mit einem ausgefeilten Merch-Stand dabei.

2013, ich war schon längst nicht mehr der Tourmanager der Ohrbooten, lud mich die Band ein, doch wieder mal für ein Wochenende in den Tourbus zu steigen. Einfach als Freund mitfahren. Und da ergab es sich, dass Bernd an einem Wochenende nicht als Merch-Mann mitfahren konnte. Ich wollte seinen Job übernehmen und ließ mir sein wirklich extrem fein ausgefeiltes Konzept erklären. Ich habe binnen zwei Stunden Gespräch so viel mehr über Fankultur gelernt, wie sonst nirgendwo. Und das, obwohl ich ja jahrelang selbst dabei war.

Ich habe Bernd hoffentlich würdig auf dem Tourwochenende vertreten. Zuerst spielten die Jungs auf einem kleinen Festival im Saarland, danach auf ganz großer Bühne auf dem Chiemsee-Reggae. Ich hatte eine wunderbare Zeit und war Bernd seitdem sehr dankbar.

In den letzten beiden Jahren lief ich fast täglich an seinem Laden vorbei, wir grüßten uns. Manchmal verhakelten wir uns in einem Gespräch über Musik, neue und alte Punkkultur oder endeten in kleinen gesellschaftspolitischen Debatten. Da kam ich dann schon mal eine Stunde später nach hause als gedacht.

Ende April wird Bernd nun beerdigt und ich finde hoffentlich die Zeit, ihm anständig „Good bye“ zu sagen. Seiner Familie, seinen engen FreundInnen und KollegInnen wünsche an dieser Stelle einfach nur ganz viel Kraft.

RB Leipzig – wo liegt eigentlich das Problem?

Februar 27th, 2015 - 
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Eines unserer Kids interessiert sich inzwischen recht brennend für Fußball und den BVB. Ich betone das, da ich selbst maximal ein wenig Fuppes spiele, wenn ich mit den Kids auf dem Spielplatz bin. Darüber hinaus bin ich nur Fan der Medienfigur Jürgen Klopp.

Jedenfalls taucht in letzter Zeit immer wieder die Diskussion um Red Bull und den RB Leipzig an den Rändern meiner Fußballwahrnehmung auf. Da mokieren sich die Menschen über den Kommerz, der beim Fuppes Einzug gehalten haben soll. Hoffenheim, Schalke, RB Leipzig tauchen als Vereinsnamen dann auf – oder zumindest schnappe ich es so auf.

Ich muss dann immer ein wenig in mich hineinschmunzeln. Denn, sind wir mal ehrlich, wo ist denn bitte vorher der Kommerz gewesen? Nicht bei Tante Fußball? Wo dann? Beim Gartenbau? In der Mittagspause? Oder bei Tante Emma im Laden?

Der gesamte Fußballzirkus hat sich – in meiner Wahrnehmung – doch schon immer um den Gott des Geldes gedreht? Nur ist es jetzt halt so viel auf einem Haufen, dass selbst Onkel Dagobert geldgeilen Schweiß auf der Stirn hätte und über Expansionspläne für seinen Geldspeicher nachdenken würde.

Money makes se wörld go round. So heißt es doch. Und wer mit den Bayern, Wolfsburgern oder Leverkusenern auf Augenhöhe mitspielen will, der muss halt eine extra große Tüte Cash mitbringen. In anderen Industriezweigen ist das ja nicht anders. Will man als Letzte/r in den Markt, hat man die höchsten Einstiegskosten oder ein wahrlich feistes und disruptives Geschäftsmodell.

Beim Fuppes bleibt also nur Geld, denn disruptiv ist das gar nix. Immer schön der Hierarchie nach. Und da muss man dann eben dicke Bündel mit Scheinchen in die Hand nehmen und einen Verein aufbauen. Läuft ja bei allen anderen Vereinen auch so, nur eben schon länger. Dortmund hat mal eine AG dafür gegründet – erinnere ich mich dunkel. Andere Vereine haben auch ihren Profifußball vom restlichen Vereinsdingens abgekoppelt, um „flexibler“ zu sein. Und wieder Andere lassen dieses Vereinsding gleich weg und ballern mit dem Geld von unten bis in die oberste Liga, siehe Hoffenheim.

Jetzt macht das also auch RB Leipzig seit ein paar Jahren. Geld rein, Trainerwechsel sobald das Ziel erste Bundesliga in Gefahr ist, teure Spielerkäufe um über Liga-Niveau zu sein. Bisher klappte das wohl ganz gut. Mal sehen, wie es zum Ende der Saison aussieht. Bleibt man doch mal ein Jahr länger in der zweiten Liga oder eben nicht. Im Moment sieht alles nach einer Ehrenrunde aus.

Das ist doch spannend. Denn es zeigt ja irgendwie, dass blankes Zusammenkaufen noch kein Team macht. Hat ja bei Hoffenheim bis jetzt auch nicht zum Titel gereicht. Das System Fußballzirkus bleibt also doch etwas mit Herz, denn auch das Blut – aka Geld – kann so manchen Schnupfen nicht einfach aushalten.

tl;dr

In ein System aus Geld kann man nur noch mehr Geld stecken, wenn man schnell oben mitspielen will. Also finde ich den Weg von RB Leipzig nur ehrlich.

ps: Wichtigster Fußballblog ever: falscheneun.net >>

Mein Klaus-Fazit als Berliner

Dezember 12th, 2014 - 

Er geht und das ist gut so. Klaus Wowereit hatte seine Berliner Zeit und jetzt verabschiedet er sich, um so hoffentlich den nächsten Impuls für die Stadt zuzulassen.

Wowereit und seine weltoffene Art war für mich ein Aushängeschild, wie ich es mir als Berliner nicht besser hätte wünschen können. Berlin hatte damals mit dem Beginn der Ära Wowereit eben noch viel popkulturelles Potenzial und Wowereit war in der Lage genau diese Frische zu kommunizieren. Wowereit verhalf Berlin zu einer Strahlkraft, die eine Stadt ohne großindustrielles Fundament braucht, um als touristischer und innovationswilliger Magnet zu funktionieren. Denn Geld muss ja irgendwie in die Stadt kommen, zur Not eben auch ohne Großindustrie. Berlin hat heute eine Tourismusindustrie und einen Sexappeal, der innovative Software-Menschen in die Stadt lockt. Software ist die große wirtschaftliche Kraft der Zukunft, hier könnten vielleicht schon jetzt die richtigen Menschen sitzen, die genau die Grundlage dafür legen, Berlin zu einem wichtigen Hub für Software und Innovationen zu machen. Vielleicht ist auch alles eine große Blase, die wieder platzt. Das kann kein „Wowi“ wissen und alle andere Menschen können es auch nicht.

Wowereit hinterlässt das Image eines Bürgermeisters, das für alle NachfolgerInnen zu groß sein dürfte. Sein aktueller Nachfolger Müller wird sich an anderen Themen messen lassen müssen, er wirkt auf mich wie ein hölzerner Technokrat. Aber lassen wir ihm die Chance, sich ein glaubwürdiges Profil zu geben.

Klaus Wowereit hat den BER gemeinsam mit der gesamten Politik in Berlin und Brandenburg versemmelt. Er hat den Beweis angetreten, dass Politik die Finger von Großprojekten bzw. deren operativer Umsetzung lassen sollte. Und er reiht sich damit auch nur ein in die lange Schlange Hamburg, Berlin, Stuttgart etc.

Klaus Wowereit hat auch bewiesen, dass die politische Landschaft komplett beliebig geworden ist. Erst hat er mit den Linken koaliert, jetzt mit den Konservativen. Im letzten Wahlkampf ging er sogar so weit, dass Wahlplakate nur noch sein Portrait zeigten. Deutlicher kann man kaum noch aufzeigen, wie irrelevant Parteien heute sind.

Und noch etwas passierte in Wowereits Ära. Die Kreuzberger Mai-Krawallen wurden immer kleiner. Trotz harter, für mich unbarmherziger Innensenatoren, konnte sich doch in Kreuzberg eine Bürgergemeinschaft entwickeln, die Stück für Stück die Hoheit über den Kiez zurückgewann.

Wowereit konnte vieles auch nicht aufhalten: Die Gentrifizierung, die drastischen Mietsteigerungen und den wilden Immobilienboom, der seine tatsächlichen Folgen wohl erst in den kommenden Jahren entfalten wird.

Ich erinnere mich jedoch an eine ganz grundsätzliche Situation, zu der Klaus Wowereit damals offenbar durch die Medien gezwungen wurde. Er musste sich outen, um die Deutungshoheit über seine eigene Intimssphäre zu bewahren. Er hat damit hoffentlich vielen Menschen einen Denkzettel verpasst und womöglich sogar Mut machen können und hoffentlich dabei geholfen, ein ganz fieses gesellschaftliches Tabu auszuhebeln. Vielleicht hat Wowereit damit unbewusst auch das – für mich als Berliner – entscheidende Signal in die Welt geschickt: In dieser Stadt geht vieles schief, ABER hier können ausgegrenzte Menschen vielleicht doch ein wenig entspannter leben als anderswo.

Ich gönne Wowereit einen positiven Eintrag ins Geschichtsbuch, denn so viel muss man erst mal aushalten können und dann auch noch durchhalten.

Endlich ist die Informatik wirklich nützlich!

November 29th, 2014 - 

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03. Oktober 2014

Oktober 3rd, 2014 - 

Das ist ein Datum, welches in meinem Leben mit ganz großer Sicherheit eine ganz wichtige Rolle gespielt hat, ohne dass ich es mir je wirklich bewusst gemacht habe.

Für mich spielte der 09. November eine viel wichtigere Rolle. Denn der Mauerfall war das Ergebnis einer Bewegung, die für uns DDR-BürgerInnen ein freieres Leben erstritten hatte. Eine Bewegung, die gezeigt hat, dass man einem System etwas abtrotzen, es gar stürzen kann. Bis heute ist dieser Tag für mich eine Motivation so ziemlich alles infrage zu stellen. Weil ich es kann.

Denn ich hatte bisher immer Glück. So konnte ich im Berlin der 90er erwachsen werden. In einer Stadt, die wie keine andere die riesige Lücke zwischen zwei Systemen aufzeigte. In einer Stadt, die ebenfalls alles infrage stellen konnte, weil sie musste. Stück für Stück hat sich diese Stadt verwandelt und mir gelehrt, dass Stillstand gar nicht funktioniert.

Ich hatte Glück, denn ich wuchs im Bildungsbürgertum auf. Wissen galt bei uns immer als das Maß der Dinge. Ich konnte reisen, das Abitur machen, eine Ausbildung, selbst studieren war möglich – ohne jemals echte Geldsorgen zu haben.

Ich hatte Glück, weil ich mich frühzeitig für digitale Medien interessiert habe und dadurch schon verdammt schnell meinen Lebensunterhalt durch Internetjobs verdienen konnte.

Ich habe Glück, denn rund um mich herum gibt es Menschen, die meinen eigenen kleinen Wahnsinn ertragen und teilweise auch verstehen können.

Ich habe Glück, weil ich mit meiner Herzensdame zusammen bin, die ich vielleicht ohne Mauerfall nie getroffen hätte – auch wenn sie ebenfalls aus den neuen Bundesländern kommt.

Ich habe Glück, weil wir inzwischen zwei wunderbare Kids haben.

Insofern nutze ich diesen Tag nicht für schwiemeligen Deutschlandpathos, sondern sage lieber mal DANKE!

Danke Schicksal, dass ich das Glück hatte in dieser Zeit und in dieser Stadt aufwachsen und eine eigene Familie gründen konnte.

Danke Familie, dass ihr mich zu einem selbstdenkenden Menschen erzogen habt.

Danke FreundInnen, dass ihr meine FreundInnen seid.

DANKE an alle DDR-Flüchlinge, an alle Leipziger MontagsdemonstrantInnen und all die Oppositionellen, die IHR unbeirrt durchgezogen habt.

Save Facebook, No Cameras Allowed, #ARD-Zufallsjournalismus

Juli 24th, 2014 - 

Save-Button – Top-Idee für Facebook

Die Menschlein vom blauen Datenriesen haben sich wieder etwas ganz feines ausgedacht bzw. woanders abgeschaut. Sie bieten dir jetzt innerhalb deines Streams einen Save-Button an. So kannst du Themen, die dir gefallen eben nicht nur liken, sondern auch „speichern“. Ja, SPEICHERN in Anführungszeichen, denn du kannst sie nur innerhalb von Facebook sichern und das hat für den blauen Riesen massig Vorteile. Er lernt noch mehr über dich: Was du speicherst, interessiert dich. Ergo wird er dir zukünftig noch genauer Inhalte zu deinen Interessen in den Stream schieben. Das macht er natürlich auch mit der Werbung – denn was dich interessiert, macht dich auch offener für entsprechend passende Werbung. Andere Themen wirst du in dem System weniger wahrnehmen. Heißt? Deine Filterbubble wird noch mehr gefiltert. Have fun!
social-secrets.com >>; curved.de >>

No Cameras Allowed

James Marcus Haney ist ein Dude, der genau dafür steht, was ich alten MedienhäsInnen immer wieder sage: Die Generation Youtube braucht euch und eure alten Rituale nicht mehr. Sie nimmt sich einfach, weil sie auf Youtube bzw. im Netz genau das gelernt hat: NEHMEN. Facebook, Google & Co machen es genau so vor. Erst mal machen und nehmen, veröffentlichen und dann mal schauen, ob das irgendwer doof findet.
Anyway. James hat sich in alle möglichen VIP-Areas bei großen Festivals hineingeschummelt und das dann gefilmt. Ob das nun Fake ist oder nicht, kann ich gar nicht sagen. Aber die Story klingt schon im Trailer lustig. Es kam offenbar eine spaßige neue Form des Musikfilmes dabei heraus.

Interview mit Jamesnoisy.vice.com >>; via testspiel.de >>

ARD-Zufallsjournalismus

Die Redaktion der Tagesthemen produziert sich offenbar gern selbst den eigenen Shitstorm. Naja, ist ja auch Sommerloch-Zeit. Im Video-Beitrag „Landflucht nach Leipzig“ ließen die KollegInnen am 10. Juli offenbar einen Zehnjährigen zu Wort kommen, der sich darüber beklagte, dass er auf dem Weg zur Schule durch ein „Assi-Viertel“ (sic!) fahren müsste. Seine herzallerliebste Mutti hat der Ansicht ihres Sohnes offenbar vor der Kamera auch noch zugestimmt und anschließend auch eine Freigabe für den Beitrag erteilt. Das Netz empört sich wohl nun über das Wort „Assi“.

WAS ich mich jetzt frage: Mit welchem Klammerbeutel wurde denn die Redaktion gepudert, dass sie die Aussage des Jungen überhaupt ausgestrahlt hat? Man muss doch ein Kind vor sich selbst schützen. Oder etwa nicht?

Großer Spaß am Rande: Das Video ist nach der Webempörungswelle aus dem Netz genommen worden. Begründung vom NDR: „weil die Interviewpartnerin ein Dokument in die Kamera hält, auf dem ihre Adresse vermerkt ist.“ Genau! Weil man diesen Teil des Bildes nicht einfach schwärzen kann – richtig?

Ach Öffentlich-Rechtliche – Ihr macht es uns auch echt einfach. ;-)
meedia.de >>

1 2 Polizei, FIFA-WM das Würstchen, Googelliten mit Helene-Fischer-Musik?

Juni 11th, 2014 - 

#24hPolizei
Über den gechilltesten Brummbär des Internets wurde ich aufmerksam auf den Erlebnisbericht des Berliner Abgeordneten der Piratenfraktion Christopher Lauer. Er hatte sich – parallel zur PR-Aktion der Berliner Polizei auf Twitter #24hPolizei – in die Einsatzleitstelle der Berliner Polizei aufgemacht, um die Arbeit vor Ort zu erleben. Sein Bericht liest sich so, wie ich mir es von zahllosen JournalistInnen als Reportage wünschen würde.
piratenfraktion-berlin.de >>

FIFA-WM ist das Würstchen
Talkmaster John Oliver erklärt anschaulich und korrrrrekt, warum ich mich nicht so wahnsinnig für die WM interessiere und schon überhaupt nicht gern zuschaue.
youtube.com >>

Googelliten
Google plant die Übernahme des Satellitenfirmchens Skybox und holt dafür angeblich zarte 500 Milliönchen aus der Portokasse. Ziel soll wohl sein, mit den Minisatelliten von Skybox schön scharfe Bilder für Google Maps zu knipsen. Da Google aber angeblich auch das Playlisten-Startup Songza kaufen will, bleibt die Frage: Was kann Google noch so mit den Satelliten machen? Richtig, die ganze Welt mit der schlimmen Musik von Helene Fischer beschallen – aus dem All! Das wäre dann sicherlich Erpressung: Entweder Weltherrschaft oder schlechte Schlager auf die Ohren!
googlewatchblog.de >> (Skybox)
googlewatchblog.de >> (Songza)

Apple und das Thema Innovation – Ein kurzer Rant auf WirtschaftsjournalistInnen

Juni 3rd, 2014 - 

Wie lautet die Mission der JournalistInnen für den heutigen Tag? Richtig, Apple die Innovationskraft absprechen, ohne auch nur über die vorgestellte Software zu schreiben. Dieser hier verlinkte Artikel ist nur ein Beispiel.

wiwo.de: Apple präsentiert neue Software – und enttäuscht

In Bezug darauf ihren LeserInnen die größeren Zusammenhänge zu erklären, scheitert die große Zahl der JournalistInnen bei großen Wirtschaftsmedien immer wieder – in meinen Augen. Apple transformiert seit Jahren seine Ausrichtung von einem Hardware-Anbieter hin zu einem Content- und Softwareanbieter und macht dabei trotzdem noch massive Gewinne. Natürlich macht er seine Gewinne noch mit Hardware. Aber warum sich der Laden so drastisch verändert, wird selten bis gar nicht erklärt.

Und das gleiche Problem finde ich immer wieder. Der brachiale Umbau von Axel Springer samt dem Verkauf der „alten Postillen“ an die Funke-Gruppe wurde in den meisten Fällen nur auf einer lächerlich moralisch-emotionalen Ebene verhandelt. Die wirtschaftlichen Notwendigkeiten wurden kaum erkannt bzw. erörtert. Warum der Umbau passiert, wurde häufig nicht mal erfragt.

Wenn ich mir dann noch die Berichterstattung über Start-Ups anschaue, dann wird mir regelmäßig schlecht. Entweder wird irgend eine kleine Bude maßlos gehypt – gerne wenn Hollywood-Promis investiert haben – oder es wird radikal plattgeschrieben, was die RedakteurInnen offenbar gar nicht erst verstanden haben. Sinnvolle Einordnung, sachliche Erklärungen oder gar kritisches Hinterfragen – Fehlanzeige. Simplifizierung und das Arbeiten mit abgehangenen Floskeln, das ist der übliche Umgang mit dem Thema Start-Ups. Welche Auswirkungen die meist disruptiven Ideen und Technologien der Start-Ups auf die LeserInnen haben werden, kommen meist gar nichtvzur Sproche oder erlangen nur in heraufbeschworenen Untergangsszenarien zweifelhafte Prominenz.

Liebe WirtschaftsjournalistInnen, wenn ihr keine Ahnung habt, dann lest halt Fachblogs von Profis, die euch im besten Fall sogar mit Expertise unterstützen können. Holt euch die Leute an Bord, die spezifischer über Themen schreiben und sprechen können, als ihr. Ihr müsst nicht alles wissen und deuten, ihr müsst euren NutzerInnen nur die besten Informationen liefern. Lasst die lächerlich belanglosen Verallgemeinerungen weg, kümmert euch um die Tiefe, die ihr alle so als Qualitätsjournalismus beschrieben wissen wollt. Bitte!

Heavy! Voll zu heftig für diese Medienwelt! JournalistInnen sollten den 3. Absatz lesen, er wird euch zur Weißglut bringen.

Mai 28th, 2014 - 

Da! Da sind sie! Diese beiden Typen, die sich jetzt endlich gezeigt haben! Diese beiden Typen, die in den vergangenen Monaten den MedienmacherInnen Deutschlands gezeigt haben, wie man mit billigem Content die Aufmerksamkeitsspirale ins Maximale treiben kann. Unglaublich! Es sind Businesstypen! Und die sitzen auch noch im t-i-e-f-s-t-e-n Osten! Und sie verstoßen gegen Urheberrechte! ORRRR!

Ja, so schallt es gerade durch das digitale Dorf namens Internet. Die MedienjournalistInnen hatten sich in den letzten Wochen teils in Ekstase geschrieben, wer denn hinter dem Facebook-Web-Phänomen heftig.co stecken könnte. Wer wohl so dreist sein könnte, in Sachen Facebook-Likes die großen Onlinemedien wie bild.de und spiegel.de anzugreifen. Und gugge da, es sind zwei BWLer. DAS sorgt dann natürlich für Empörung im Journalistenlager! Und natürlich auch für die besten Klischees. Diese BWLer wieder! War ja klar! Das, was die da machen war und ist ja kein Journalismus und deshalb müssen das ja BWLer sein. Und Content klauen sie auch noch!

Endlich haben die SchöngeisterInnen wieder etwas zu granteln. Über Kaufleute UND das pöse Internetz. Da gibt es also Typen, die einfach Onlinemedien machen und dann auch noch erfolgreich sind. Dabei dürften die ja eigentlich gar nichts verstehen, vom Medienmachen. Das können doch nur JournalistInnen. Und auch nur, wenn es JournalistInnen machen, hat das Nivea!

Doch meine lieben MedienfreundInnen, wer sagt denn, dass man nur gehaltvolle, hochwertige Medien machen will? Vielleicht hat man ja an trashigen Bilderstrecken mit abgedroschenen Headlines auch einfach Spaß? So wie die Menschen, die offenbar zu Hundertausenden diese kurzweiligen Netzhäppchen auf den buzzfeed-Klonen dieser Welt konsumieren. So viel Spaß vielleicht, wie ihn die JournalistInnen bei fast allen größeren Onlinegazetten haben, wenn sie ihre erfolgreichen Fotogalerien (beim Hamburger Onlineableger eines großen Wochenmagazins auch liebevoll „Klickhuren“ genannt) bauen, um die Klicks in die Höhe zu treiben. Aber hey, stimmt ja! Das ist dann ja vorbildlich journalistische Arbeit. Und natürlich gibt es da keine Urheberrechtsverletzungen. Nein, nie!!!

Spaß geh mal weg. Komm, ab in die Ecke! Tatsächlich scheinen die Macher hinter heftig.co eine kleine Truppe zu sein, die wissen, was sie da machen. Sie klonen ein Prinzip. Meinetwegen haben sie buzzfeed.com dafür als Vorlage, eventuell auch die Kopiermentalität der damit sehr erfolgreichen Samwer-Brüder. Vielleicht haben sie auch einfach nur losgelegt, weil sie sehen wollten, ob ihr Experiment glücken kann. Alle drei unbestätigten Gründe sind allemal legitim, um so eine Webseite zu starten und dafür Engagement zu zeigen. Es ist auch legitim, wenn sich jetzt die Leute an die beiden Herren wenden, die ihre Urheberrechte verletzt sahen bzw. sehen. Darum werden sich die Potsdamer nun kümmern müssen, so wie die Rechtsabteilungen in den großen Verlagen auch, wenn ihre ach so sauber recherchierenden RedakteurInnen wieder mal verrissen und sich gerne mal Bild- und Textmaterial von Blogs geklaut haben. Oder wenn sich die ach so seriösen RedakteurInnen mal wieder einen Teufel um die Persönlichkeitsrechte von mehr oder weniger prominenten Menschlein gekümmert haben?!

Letztendlich haben die heftig-Leute uns Medienmenschen eine Sache bewiesen: Es geht! Man kann mit Contentschleudern relativ schnell Reichweite aufbauen. Man kann so ein Portal schnell aufsetzen, aufblasen und viel Aufmerksamkeit erzeugen. Ob man damit nachhaltiges Geschäft generieren und eine solide Userschaft aufbauen kann, diesen Beweis sind sie sich selbst und uns noch schuldig. Denn das wird man erst über einen langen Zeitraum erkennen können.

Am Ende ist die Aufregung um hefitg.co mal wieder ein Klassiker, denn er wiederholt sich alle paar Jahre oder Jahrzehnte wieder. Erinnert sich die Eine oder der Andere unter euch noch an die Achtziger und den aufstrebenden HipHop? Damals und auch heute noch wird in dieser Branche mit dem Kopieren und Mixen von Inhalten anderer MusikerInnen (Sampling) immer wieder Neues geschaffen. Immer einher gehend mit Urheberrechtsverletzungen und Gerichtsprozessen. Das Publikum applaudiert für jeden neuen, gut gemachten Track und die Kaufleute – die BWLer im Hintergrund – treffen sich vor Gericht und streiten um die Details.

Genau so wird es wohl bei heftig.co laufen. Entweder sie schaffen es, den normalen rechtlichen Anforderungen des Medienalltags gerecht zu werden oder sie versumpfen in Abmahnungen, Klagen und Prozessen. Die Entstehungsgeschichte ist in jedem Fall wieder mal imposant und reicht mindestens als Stoff für einen Sat.1-Eventmovie von Nico Hofmann. Super Plott-Vorschlag: Eine Frau muss sich zwischen zwei Männern entscheiden. Bisher noch nie da gewesen. Ehrlich!

Von mir aus sollen die Potsdamer es doch probieren. Wenn es mir nicht gefällt, dann kann ich das Ganze doch ignorieren, so wie die HuffPo auch. Nur eines muss ich nicht machen – ich muss mich nicht künstlich aufplustern. Denn wer reinen Gewissens ist, der werfe den ersten Stein – oder so ähnlich …

PS: Mega-lustig, wie Dieter Bohlen sagen würde, ist ja die Tatsache, dass in heftig.co auch noch das Wort für ein Printprodukt steckt, nämlich „Heft“. Ganz großes Kino!!! Und jetzt bitte Verschwörungstheorien! Bitte, bitte, bitte!!!