Ich sage ja zu deutscher Synchronisation

09. März 2015 - von - Jens  - 

Ich lese die Beiträge von Felix Schwenzel alias diplix sehr gern und viel. Ich folge ihm auf Twitter, Instagram, irgendwie auch auf Facebook, denn ich mag seine Art Themen zu reflektieren. In 99,98898 Prozent der Fälle nicke ich innerlich nur kurz und zustimmend, wenn ich irgendein digitales Schnippselchen von ihm gelesen oder gesehen habe. Ich gebe zu, manchmal bekommt er sogar Likes, Shares oder irgendeines dieser digitalen Zuckerli von mir.

HEUTE aber muss ich mal Widerspruch anbringen und weil es da noch ein fast vergessenes eigenes Blog gibt, mache ich das hier. Felix Schwenzel hält deutsche Synchronisation für Quatsch – soweit will ich seine steile These verkürzen. Er bezieht sich auf ein Studienergebnis und sieht sich dadurch in seiner Meinung bestärkt. MC Schwenzel geht noch einen Schritt weiter, in dem er deutsche Synchronisation für eine Unsitte und einen Eingriff in die künstlerische Freiheit hält. Große Worte. Punkt. (Große Worte, die man hier nachlesen kann >>)

ICH finde diese Attitüde borniert. Nicht nur die von Mr. Schwenzel, sondern von all den SchlaumeierInnen, die immer wieder herummeinen müssen, die deutschen Synchronisationen von TV- und Kinoinhalten wären ja Mist – oder noch besser – generell alle Menschen wären dumm, weil sie die Serien oder Filme in deutschen Fassungen anschauen. Gerade der letzte Punkt ist immer mal wieder Thema und Herumgemeine auf Parties.

Für mich ist das eine unfassbare Überheblichkeit. Eine Überheblichkeit von Menschen mit Hochschulabschluss, die nicht mehr wahrhaben wollen, dass es da draußen eine wirklich große Zahl an Menschen gibt, die dieses Privileg der hohen Bildung aus verschiedensten Gründen nicht genießen konnten oder durften. Die Beherrschung von Fremdsprachen sollte man natürlich schon in der Schule erlernen. Sollte! Die Realität sieht anders aus. Jenseits von Gymnasien sieht es da nämlich oft sogar sehr traurig aus. Englisch, Französisch oder andere Fremdsprachen sind da gern unterrepräsentiert – aus Mangel an LehrerInnen oder Interesse seitens der SchülerInnen und/oder Eltern etc.

Da stellt sich für mich die Frage: Dürfen all diese Menschen, die weniger in Fremdsprachen bewandert sind, nun nur noch deutschsprachige Formate schauen, die original hier entstanden sind? Oder ist es fair, wenn man Menschen Wissen vorenthält, weil man einen Bewegtbild-Inhalt nicht übersetzt? Denn eines vergessen die Damen und Herren ganz gerne, auch der Bereich Dokumentation und Nachrichten würde dann wohl kaum noch synchronisiert. Die Menschen würden deutlich weniger Wissen kommuniziert bekommen, weil sie schlichtweg die Sprache nicht können. Tolle Aussichten.

Die Argumentation von Felix Schwenzel zielt aber auch auf ein anderes Feld, das ich ganz schwierig finde: Würden TV- und Kinoformate nur in Originalsprache ausgestrahlt, würden die Leute schneller und besser Fremdsprachen sprechen, weil sie sie lernen müssten, um zu verstehen. Das kann man auch “runterbrechen” auf:
Jeder Mensch würde aus Zwang lernen, wenn er müsste. Entspricht für mich in etwa dem oberliberalen Ansatz einer FDP: Wenn sich jeder Mensch selbst hilft, ist Jedem geholfen. Beide Ansätze sind für mich einfach nur gemein, insbesondere gegenüber Menschen, die nicht über das entsprechende Budget, die Zeit oder den Intellekt verfügen.

Darüber hinaus bleiben all die Menschen, die deutsche Synchros für Quatsch halten auch jede Menge Zahlen schuldig. Wie sieht es denn mit nichtenglischen Inhalten in den Ländern aus, die keine Synchronisation in Landessprache haben? Es ist mindestens zu bezweifeln, dass in diesen Ländern Bewegtbild-Inhalte eine gute Chance auf Verwertung in Massenmedien haben, die in Polnisch, Russisch, Chinesisch oder auch nur Spanisch produziert wurden. Synchronisation gibt – und das wird sehr gern vergessen – viel mehr Inhalten die Möglichkeit in ausländischen Medienmärkten wahrgenommen und konsumiert zu werden.

Interessant wären auch Antworten auf die Frage: Wie sieht denn die Wahl von Fremdsprachen in der Schule aus, wenn der eigene Medienmarkt vielleicht nur englischsprachige Originale zeigt? Haben dann Kinder, die sich für andere Sprachen interessieren, eine reale Chance, diese Sprachen auch zu erlernen, wenn es viel mehr Nachfrage nach der EINEN Fremdsprache gibt?

Letztendlich gibt es unzählige Fragen, die man stellen kann. Fazit für mich ist, ich schaue, höre und lese Inhalte in deutscher und englischer Sprache, weil ich es kann. Weil ich das Privileg hatte, genug Bildung zu erfahren. Manchmal mag ich es, die Originalfassung zu lesen, zu hören oder zu schauen. Und dann gibt es Tage, an denen bin ich froh, wenn ich nur die deutsche Fassung konsumieren kann, ohne viel nachdenken zu müssen.

Interessanter wären allerdings für mich Lösungen, die multilinguale Angebote ermöglichen könnten. Warum kann man nicht zu jedem TV-Inhalt auch die Originalfassung anbieten? Und dann auch ZuschauerInnen konsequent auf den Originalton aufmerksam machen? Warum kann man bei Video-On-Demand nicht permanent mehrere Versionen anbieten? Warum kann Youtube nicht verschiedene Sounddateien implementieren? Und und und …

Um einen Schlusspunkt zu finden: Ja, man kann über die Qualität deutscher Synchronisationen streiten, sie abschaffen halte ich viel falsch. Die unterschwellig formulierte Forderung nach Abschaffung deutscher Synchros halte ich für eine überaus bornierte Haltung des sogenannten Bildungsbürgertums. Und ich würde mich freuen, wenn die heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten ausgeschöpft würden, um NutzerInnen Original- und Synchronfassungen gleichberechtigt zugänglich zu machen. Darüber hinaus bin ich natürlich voll für die Verbesserung des Fremdsprachenunterrichtes für ALLE SchülerInnen.


ps: Ja, ich kenne bzw. kannte einige Menschen, die mit deutscher Synchronisation einen Teil ihres Lebensunterhaltes verdienen.

6 Responses to “Ich sage ja zu deutscher Synchronisation”

  1. ix sagt:

    keine ahung wie du darauf kommst, dass man unsynchronisierte filme nur verstehen könne, wenn man die sprache spricht. ich habe in den letzten monaten unsynchronisierte filme aus korea, norwegen, frankreich und aus china gesehen (vor vielen jahren auch mal einen in inuit-sprache). keine einzige dieser sprachen spreche oder verstehe ich. einige dieser filme haben (unsynchronisiert) exrem gute bewertungen im amerikanischen itunes-store. der trick, den du vielleicht noch nicht kennst, der aber in vielen ländern der welt wunderbar funktioniert, lautet untertitel. mit diesen untertiteln habe ich beispielsweise den grossartigen headhunters-film aus norwegen gesehen und verstanden — obwohl ich kein wort norwegisch kann. martial arts filme laufen auch in den USA immer im original (mit untertiteln) — ausser sie werden in oder für die USA produziert.

    und zahlen belibe ich dir natürlich weiter schuldig, aber ich weiss zufällig, dass in den niederlanden kaum synchronisiert wird und dort trotzdem fleisssig auslanändisches fernsehen gesehen wird. ich vermute in vielen europäischen ländern, die nicht zwangsläufig von bornierten hochschulabgängern geführt werden, ist das der fall.

    übrigens haben untertitel einen grossen vorteil: mit ihnen können produktionen (und eben nicht nur mainstreamsachen) schnell und gut konsumierbar vor das heimische publikum gebracht werden: sie sind eben schneller und günstiger als synchro-fassungen zu produzieren.

    tatsächlich fordere ich nirgendwo die abschaffung der synchronisation. ich finde sie nur grässlich und arroganterweise eben auch furchtbar werkentstellend — vor allem weil synchronisierungen oft sehr lieblos und eilig erstellt werden. worüber ich aber froh bin, dass nun endlich gute alternativen zur synchronisation bestehen. ich muss mir den scheiss nicht mehr ansehen.

  2. Dirk Olbertz sagt:

    Das was Felix sagt.

    Und: auch in Schweden läuft im Fernsehen nix synchronisiert (bis auf Kinderserien). Die Schweden sprechen ein ausgezeichnetes Englisch, oft auch die, die jenseits 50 Jahre alt sind und in Berufen arbeiten, die nicht auf eine hohe Ausbildung schließen lassen.

    Und dort laufen auch Spanische Telenovelas in Originalsprache mit Untertiteln. Neben Sendungen aus Norwegen, Dänemark und auch Deutschland – immer mit Untertiteln.

    Ich hatte Englisch übrigens in der 10 Klasse des Gymnasiums abgewählt, weil ich eine 5 riskierte. Fernsehserien und Kinofilme in Originalsprache (inklusive Untertitel) haben mir hier enorm weiter geholfen für das Sprachverständnis.

  3. Thomas sagt:

    Zitat: “Es ist mindestens zu bezweifeln, dass in diesen Ländern Bewegtbild-Inhalte eine gute Chance auf Verwertung in Massenmedien haben, die in Polnisch, Russisch, Chinesisch oder auch nur Spanisch produziert wurden. Synchronisation gibt – und das wird sehr gern vergessen – viel mehr Inhalten die Möglichkeit in ausländischen Medienmärkten wahrgenommen und konsumiert zu werden.”

    Entschiedenes: Najaaa, eher mal gepfelgt jein. Ein synchronisierter Film mag zwar potenziell mehr Leute erreichen – potenziell. Tatsache ist aber: Auch eine Billo-Synchro kostet noch immer verhältnismäßig viel Geld, vor allem, im Fall “kleiner” Produktionen oder Verleihe. Gerade im Fall von Filmen, die eher geringe Aussichten darauf haben, ein Massenpublikum zu erreichen – und bei Filmen, deren Muttersprache Chinesisch, Polnisch oder Russisch lautet, ist davon grundsätzlich auszugehen -, stellt der Quasi-Synchronisationszwang einen empfindlichen Kostenfaktor in der Gesamtbilanz für Lizenznehmer und Verleiher dar. Im Zweifelsfall wird dann ein Film lieber nicht für den deutschen Markt lizenziert – weil die Kosten für den Markteintritt schon qua Synchronisation zu hoch sind. Pech gehabt. Filmkulturen, in denen Untertitel üblich sind, bieten hier eine deutlich niedrigere Zutrittsschwelle, da die Kosten für eine Untertitelung dramatisch niedriger ausfallen.

    Ansonsten: Was ix sagt. Untertitel. Sind auch in Dänemark gang und gäbe. Und die Dänen beherrschen auch deshalb ein sehr vorbildliches Englisch. Und Untertitel kann man auch weniger “intellektuellen” Menschen zumuten. Per se finde ich aber auch, dass es die Wahl geben sollte. Die Vehemenz von Synchrofeinden ergibt sich aber eben auch vor allem dadurch, dass es diese Wahl in Deutschland in der Regel schlicht nicht oder so gut wie nicht gibt. In Berlin hat man noch gut reden, auf dem Land darf man gleich mal 100 km Autofahrt einrechnen, wenn man einen Film OV im Kino erleben will. Dass das die Leute ärgert, dürfte nachvollziehbar sein.

  4. Kurt Mueller sagt:

    Nö, Herr Stoewhase – Sie liegen falsch. Gegen mangelnde Kenntnisse einer fremden Sprache gibt es, wie bereits “ix” erläuterte, ein einfaches Mittel namens Untertitel. Aber fast alle Filme und TV-Produktionen verlieren durch den Synchronquatsch – die Stimmen und die Betonung der tatsächlichen Darsteller, den einen oder anderen Wortwitz – im Extremfall gehen wesentliche Teile der Geschichte futsch, weil bestimmte Dinge in einer anderen Sprache einfach nicht funktionieren.

    Daß im Fernsehen kaum Originalfassungen laufen, hat einen einfachen Grund: die Rechte. Seit die detuschen TV-Sender in ganz Europa und teilweise darüberhinaus unverschlüsselt per Satellit zu empfangen sind, sind die Tarife für die Ausstrahlung von Originalfassungen deutlich gestiegen. Das leisten sich für eine kleine Minderheit fremprachlich Interessierter weder die Öffis noch die Privaten.

    Wer Originalfassungen hören (und dabei spielend lernen) will, dem bleiben leider nur DVD und Blu-ray (und die eine oder andere elektronische Videothek).

    Wenn Sie sich ab und zu die Mühe machten, mal die ein oder andere Synchronfassung mit dem Original zu vergleichen, fiele es auch Ihnen wie Schuppen vor die Augen, wie bescheiden nicht alle, aber sehr viele Synchronfassungen sind. Gerade bei Filmen oder Serien, die nicht die ganz großen Budgets haben oder bei denen der deutsche Vertrieb nur mäßige Erlöse erwartet, wird gepfuscht, daß die Schwarte kracht. Da passen dann die Stimmen der deutschen Sprecher überhaupt nicht zum Original, werden Redewendungen und Anspielungen schlicht nicht verstanden (In einer US-Serie redete mal jemand von Fotos, die so schlecht seien, daß man sie nicht mal als Fahndungsbilder – “mug shots” – verwenden könne. In der deutschen Fassung wurden es “Bilder, die man nicht mal auf eine Kaffeetasse drucken” könne.)

    Mich hält diese Misere seit Jahrzehnten recht zuverlässig von Kinos fern – aber wenn es Sie nicht stört…

  5. Dani sagt:

    Ich finde auch, dass viele Serien durch die Synchronisation ihren Charme verlieren. Wenn z.B. Lilyhammer konsequent synchronisiert wird (ich weiß es ehrlich gesagt nicht, weil ich die deutsche Fassung nicht geschaut habe), funktioniert die Kombi aus Norwegisch und Englisch sicherlich nicht. Ähnlich ist es bei Hiro aus Heroes, der in die USA reist und kein Wort Englisch spricht – in der deutschen Fassung haben sie ihn einfach synchronisiert, sodass die Hälfte der Story keinen Sinn mehr hat. Und wenn man sich z.B. Leonardo DiCaprio anschaut, müsste man grundsätzlich alle Synchronisationen ersatzlos verbieten: So ein toller Schauspieler, der ganz viel über die Stimme spielt und eine solch bescheidene Synchro hat…

    Ich selbst bin an der holländischen Grenze großgeworden und die ersten drei Programme des holländischen Fernsehens waren signaltechnisch so stark, dass Sat. 1 und Tele 5 gestört waren, d.h. wir hatten ARD, ZDF, WDR, NDR, Nederland 1, 2, 3 und Vara und ich muss sagen, dass ich alleine dadurch, dass ich Sachen mit Untertiteln schon als Kind gesehen habe, früh ein Sprachgefühl entwickelt habe. Ich komme aus einer Familie aus der unteren Mittelschicht und vom Land, daher greift die Akademikerausrede da nicht ;)

  6. Jens sagt:

    Hier mal ne späte Antwort. Spät, weil ich enttäuscht war, wie die kurze Twitter-Diskussion mit Felix auf Twitter geendet ist. Aber okay, ist halt so.

    Ich danke hier für das recht faire Feedback. Für mich ändert das aber nichts an meiner Einstellung zum Thema. Ich halte Synchros generell für eine sinnvolle Sache, aber halte es für begrüenswert, wenn beides – also O-Ton und Synchro angeboten wird, sofern technisch möglich.

    Von Untertiteln halte ich tatsächlich sehr wenig, auch wenn oben aufgeschriebene Argumente ihre völlige Berechtigung haben. Mich lenken sie vom Bild ab. Und ich schaue ja in erster Linie hin, weil ich die Bilder sehen möchte. Aber auch hier könnte man ja schauen, ob es technisch machbar ist, die Originalfassung samt zuschaltbarem Untertitel zur Verfügung zu stellen.

    Ich habe mir bereits einige Originalfassungen von DVD angeschaut – insbesondere in englischer Sprache und lieber weniger verstanden als den Untertitel einzublenden.

    Gruß JST

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