Mein Klaus-Fazit als Berliner

12. Dezember 2014 - von - Jens  - 

Er geht und das ist gut so. Klaus Wowereit hatte seine Berliner Zeit und jetzt verabschiedet er sich, um so hoffentlich den nächsten Impuls für die Stadt zuzulassen.

Wowereit und seine weltoffene Art war für mich ein Aushängeschild, wie ich es mir als Berliner nicht besser hätte wünschen können. Berlin hatte damals mit dem Beginn der Ära Wowereit eben noch viel popkulturelles Potenzial und Wowereit war in der Lage genau diese Frische zu kommunizieren. Wowereit verhalf Berlin zu einer Strahlkraft, die eine Stadt ohne großindustrielles Fundament braucht, um als touristischer und innovationswilliger Magnet zu funktionieren. Denn Geld muss ja irgendwie in die Stadt kommen, zur Not eben auch ohne Großindustrie. Berlin hat heute eine Tourismusindustrie und einen Sexappeal, der innovative Software-Menschen in die Stadt lockt. Software ist die große wirtschaftliche Kraft der Zukunft, hier könnten vielleicht schon jetzt die richtigen Menschen sitzen, die genau die Grundlage dafür legen, Berlin zu einem wichtigen Hub für Software und Innovationen zu machen. Vielleicht ist auch alles eine große Blase, die wieder platzt. Das kann kein “Wowi” wissen und alle andere Menschen können es auch nicht.

Wowereit hinterlässt das Image eines Bürgermeisters, das für alle NachfolgerInnen zu groß sein dürfte. Sein aktueller Nachfolger Müller wird sich an anderen Themen messen lassen müssen, er wirkt auf mich wie ein hölzerner Technokrat. Aber lassen wir ihm die Chance, sich ein glaubwürdiges Profil zu geben.

Klaus Wowereit hat den BER gemeinsam mit der gesamten Politik in Berlin und Brandenburg versemmelt. Er hat den Beweis angetreten, dass Politik die Finger von Großprojekten bzw. deren operativer Umsetzung lassen sollte. Und er reiht sich damit auch nur ein in die lange Schlange Hamburg, Berlin, Stuttgart etc.

Klaus Wowereit hat auch bewiesen, dass die politische Landschaft komplett beliebig geworden ist. Erst hat er mit den Linken koaliert, jetzt mit den Konservativen. Im letzten Wahlkampf ging er sogar so weit, dass Wahlplakate nur noch sein Portrait zeigten. Deutlicher kann man kaum noch aufzeigen, wie irrelevant Parteien heute sind.

Und noch etwas passierte in Wowereits Ära. Die Kreuzberger Mai-Krawallen wurden immer kleiner. Trotz harter, für mich unbarmherziger Innensenatoren, konnte sich doch in Kreuzberg eine Bürgergemeinschaft entwickeln, die Stück für Stück die Hoheit über den Kiez zurückgewann.

Wowereit konnte vieles auch nicht aufhalten: Die Gentrifizierung, die drastischen Mietsteigerungen und den wilden Immobilienboom, der seine tatsächlichen Folgen wohl erst in den kommenden Jahren entfalten wird.

Ich erinnere mich jedoch an eine ganz grundsätzliche Situation, zu der Klaus Wowereit damals offenbar durch die Medien gezwungen wurde. Er musste sich outen, um die Deutungshoheit über seine eigene Intimssphäre zu bewahren. Er hat damit hoffentlich vielen Menschen einen Denkzettel verpasst und womöglich sogar Mut machen können und hoffentlich dabei geholfen, ein ganz fieses gesellschaftliches Tabu auszuhebeln. Vielleicht hat Wowereit damit unbewusst auch das – für mich als Berliner – entscheidende Signal in die Welt geschickt: In dieser Stadt geht vieles schief, ABER hier können ausgegrenzte Menschen vielleicht doch ein wenig entspannter leben als anderswo.

Ich gönne Wowereit einen positiven Eintrag ins Geschichtsbuch, denn so viel muss man erst mal aushalten können und dann auch noch durchhalten.

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