Hier in Sachen „Julia Engelmann“ und so: Heult doch!

21. Januar 2014 - von - Jens  - 

In den vergangenen Tagen machte der Poetry-Slam-Beitrag einer mir bis dahin unbekannten Julia Engelmann die sozialmediale Runde. YouTube Preview Image

Zuerst ging das Filmchen aus Bielefeld richtig durch die Decke – knapp sieben Monate nach dem der Clip auf Youtube hochgeladen wurde. Was kurz darauf einsetzte, war wieder mal das traurige Meckern, das Sezieren jeder Geste in diesem Video und der allseits bekannte deutsche Neid auf alles, was erfolgreich ist. Was ich da in den letzten beiden Tagen in Postillen, wie der SZ gelesen habe oder in den Kommentaren unter dem Video in den sozialen Netzwerken, das ist wieder mal so herzerfrischend demaskierend.

Besonders putzig finde ich die Beiträge derer, die gerne mal Popsongs und Alben gelobt haben, deren Inhalt gelegentlich weniger war, als vermutlich jeder Poetry-Slam-Beitrag jemals hatte.

Da wurde ein knapp 6-minütiger Clip erfolgreich, sogar zum Mainstreamthema und schon hab ich das Gefühl, die Leute kommen aus ihren Löchern gekrochen um endlich mal wieder so richtig herzhaft meckern zu können. Ich glaube dabei inzwischen an eine Art Algorithmus, denn ich beobachte dieses Verhalten in sozialen Netzwerken inzwischen bei fast jedem Themenschwein, welches durch das digitale Dorf getrieben wird. Ein Video, Foto oder Text wird erfolgreich, um dann wieder in Grund und Boden diskreditiert zu werden.

Aber es wird noch viel niedlicher. Die KritikerInnen, die eben noch Engelmanns Slam niedergemäht haben, sind jetzt diejenigen, die den Blödelbarden Jan Böhmermann hochloben. Böhmermann hat auf seine Art auf das Video reagiert – oder wenn man es mal aus der Marketing- und Kommunikationsecke betrachten will – er ist auf den Erfolgszug der Julia Engelmann clever aufgesprungen. YouTube Preview Image

Die böhmermannsche Masche ist dabei auch irgendwie immer die gleiche: Noch mal Einen drauf geben, noch mal härter sein, krasser, einfach noch ein Stück verrückter oder absurder. Das ist eine Masche, völlig legitim, weil erfolgreich. Und damit wird er zum Held der Social-Media-Stunde. Wahrscheinlich bleibt er es aber nur so lange, bis er zu erfolgreich damit. Dann treten sie ihm auch wieder von hinten in die digitale Kniekehle.

Und auch die KritikerInnen der Engelmann geben noch eine Schippe drauf. Anderswo und auch in den Kommentaren auf meiner Facebook-Seite wurde plötzlich ihr Job bei der RTL-Soap „Alles was zählt“ betont – wie auch in den Verrissen der Medien. Alles wäre totale Berechnung, sie müsste ja wissen, wie das geht. Wie fröhlich borniert ist das denn?

Das selbstverliebte Bildungsbürgertum, das immer wieder von Toleranz schwadroniert, spricht dem Menschen Julia Engelmann den Erfolg ab, weil sie mal auf ungewöhnliche Art und Weise ihren Lebensunterhalt verdient hat? In bester Boulevardmanier zerreisst diese angebliche Bildungselite etwas, was sie auch einfach ignorieren könnte. Es geht um ein On-Demand-Video, liebe Leute – also um einen Clip, bei dem man aktiv den Play-Button klicken muss. Würde man passiv bleiben, könnte man die knapp 6 Minuten auch für etwas Sinnvolles nutzen. Ganz zu schweigen von der Zeit, die man sparen würde, wenn man weder den Clip, noch die Verrisse oder diesen Artikel hier lesen würde.

Ich persönlich fand den Poetry-Slam-Beitrag der Dame weder gut noch schlecht. Ich hatte das Gefühl aus dem Alter raus zu sein. Sie hat nicht meine Themen getroffen. Warum auch? Julia ist mehr 15 Jahre jünger als ich.

Ich hab auch nichts gegen Jan Böhmermann. Er ist mit dem, was er macht, nur einfach sehr durchschaubar für mich – eher so ein Putzibärchen.

Im Übrigen finde ich es besonders sympathisch, dass der Hype und diese Social Media getriebene Empörungswelle gegen das Poetry-Slam-Video während der Ausstrahlung des Dschungelcamps stattfindet. Das ist ein TV-Format, bei dem sich der Zuschauermob ergötzen kann, wie andere Menschen an ihren eigenen Problemen scheitern. Parallelen gibt es wahrscheinlich nur REIN zufällig.

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