#berlintales no. 32

15. Januar 2013 - von - Jens  - 

Eine Taxibestellung zieht sich dieser Tage locker wie Gummistrumpf. Eine unmittelbare Ad-hoc-Berichterstattung soll an dieser Stelle der geneigten Leserschaft Aufschluss über die gesamtgesellschaftlichen Hintergründe geben.

Nach dem dann doch eine telefonisch georderte Kraftdroschke mein bescheidenes Anwesen erreichte, ich zustieg und dem Chaufeur mein Ziel mit Friedrichstraße angab, kam direkt von vorne links die Frage: “Fashionweek?”

Noch während ich versuchte die Frage einzuordnen, hörte ich mich antworten: “Nee, seh ich so aus?”

Der Fahrer schürzte die Lippen und musterte mich direkt im Rückspiegel. Es dauerte ca. eine Sekunde. In der Zeit schien der vollbärtige Endfünfziger mittels Telepathie den Katalog “Prototypen der Berliner Fahrgäste – Eine soziologische Clusterung anhand optischer Merkmale” vom Server der Taxizentrale herunter geladen und eine schnelle Suchanfrage gestartet zu haben. Dachte ich.

Die Antwort fiel deutlich banaler aus, als von mir erwartet: “Nee, dafür stehense zu jut im Futter, wa?!”

Anstatt der von mir wenig Beachtung geschenkten Lebensweisheit ‘Reden ist Silber, Schweigen ist Gold’ zu folgen, platzte es aus mir heraus: “War das eine Frage?! Was fällt Ihnen ein?! Das Jahr ist gerade mal 15 Tage alt und SIE erwarten von mir schon, dass mein Körper voll ‘in shape’ ist? Ich bin doch dran! Aber die Versuchungen des Alltags machen es mir echt schwer!”

Schnappatmung und Jappsen meinerseits …

“Und überhaupt! Warum sollte ich mich diesem faschistoiden Modediktat und Schlankheitswahn aussetzen?! Diese stakenden Modells werden doch alle weggeweht”, … und so weiter und so fort.

Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war der Taxifahrer offenbar kurz davor Nüsschen, Popcorn und Bier rauszuholen, um meinem Impulsreferat über den sozialen Druck von uns Männern in der Gesellschaft zu lauschen. Das ließ mich stutzig werden. Und wenn ich stutzig werde, dann werde ich unsicher. Und wenn ich unsicher werde, dann dann … dann komme ich ins Stocken, meine Stimme überschlägt sich …

Ich fragte also den Fahrer mit aller hastig aufgeraffter Höflichkeit: “WAAAHAAAS?”

Die Hundertstelsekunde Pause, in der sich ein breites Grinsen in der Front meines Gegenübers formierte, war meine Zeit, um den Mann in die Fashion-Hölle zu wünschen.

Seine Auskunft war kurz und präzise: “Janz ruhisch Meista. Sie ham da nur nen Stück Nutella-Stulle im Bart.”

2 Responses to “#berlintales no. 32”

  1. […] #berlintales no. 32 « pixlpop.de – Der Fahrer schürzte die Lippen und musterte mich direkt im Rückspiegel. Es dauerte ca. eine Sekunde. In der Zeit schien der vollbärtige Endfünfziger mittels Telepathie den Katalog “Prototypen der Berliner Fahrgäste – Eine soziologische Clusterung anhand optischer Merkmale” vom Server der Taxizentrale herunter geladen und eine schnelle Suchanfrage gestartet zu haben. […]

  2. marie sagt:

    Haha selten so gelacht.
    ” Die Antwort fiel deutlich banaler aus, als von mir erwartet: “Nee, dafür stehense zu jut im Futter, wa?!” ” —ich weiß nicht wie ich reagiert hätte. Ich hätte ihn wahrscheinlich einfach nur perplex angeschaut und kein Wort mehr rausgebracht. Ich hätte mich aber zu gerne mit der Chipstüte auf den Beifahrersitz gesetzt, um deinem Ausbruch zu hören. Da kann man noch was lernen.

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