Meine #rp14 – oder warum ich mich therapeutisch gut betreut fühlte.

12. Mai 2014 - von - Jens  - 

Schon wieder vorbei. Diese re-publica ist immer zu schnell vorbei. Und doch hinterlässt sie jedes Jahr so ein wohliges Gefühl bei mir. Diese Gewissheit: Ich bin doch nicht so allein, es gibt Menschen die auch die gleichen abstrakten und manchmal schrägen Themen auf dem Schirm haben. So wie ich.

Denn wenn ich unter dem Jahr durch den Alltag stolpere, dann habe ich ganz oft das Gefühl, bei vielen Dingen außen vor zu sein. Oft denke ich: Ich bin anders als die anderen Kinder. Und in den meisten Fällen beschleicht mich genau dieser Gedanke, wenn es um digitale Themen, Netzpolitik, Bürgerrechte und Überwachung, aber auch ganz banal um die Entwicklung der Medien geht. Manchmal sehe ich mich aber auch schon außen vor, wenn es um das iPhone geht. Während ich darin das allumfassende Gadget mit direkter Anbindung an den Überwachungsstaat sehe und es gleichzeitig intensiv benutze, denkt mein Umfeld oft noch ausschließlich über das Lifestyleprodukt iPhone nach. Bis vor drei, vier Jahren dachte ich auch so, war damit aber auch da außen vor, weil das Gerät damals noch eher ein Early-Bird-Produkt war und erst richtig in der breiten Masse ankam.

Auf der re-publica fühle ich mich also ein Mal im Jahr ganz normal unter anderen normalen Menschen. Wobei “normal” natürlich ein Nonsens-Begriff ist, der aber in diesem Fall genau mein Empfinden illustriert. Ich bin auf der re-publica nicht besonders. Oft fühle ich mich sogar eher hinten dran, als vorn dabei. Was völlig in Ordnung geht bzw. auf der re-publica auch einfach ganz schön sein kann. Man kann sich nämlich einfach hinsetzen und zuhören. Menschen, die besondere Themen haben, kann man fokussiert seine Aufmerksamkeit schenken. Ich habe in diesem Jahr nicht viel miterleben können, da ich am ersten Tag auf der Konferenz beruflich Interviews gedreht habe, den zweiten Tag gar nicht da war und am dritten Tag nur den Nachmittag mitnehmen konnte.

Trotzdem gab es wieder Input. So hat mich der Vortrag von der Mathematikerin Hannah Fry über die mathematische Analyse der 2011er Ausschreitungen in London sehr begeistert. War es doch eine recht trockene, sympathisch unemotionale und hervorragend vorgetragene Herleitung anhand großer Datenmengen. Letztendlich ein sehr anschauliches Beispiel dessen, was man aus großen Datenmengen extrahieren kann und wie Big-Data tatsächlich für die Polizei einsetzbar ist. Auch wenn Hannah Fry selbst nicht darauf eingegangen ist, zeigte es doch, welche Missbrauchspotenziale von großen Datenmengen auch ausgehen können. Kann die Polizei solche Analysen ja nicht nur bei gewalttätigen Ausschreitungen, sondern auch gegen die demokratische Willensbekundung (Demonstrationen) einsetzen.

Einen anderen Vortrag möchte ich ebenfalls hervorheben. Felix Schwenzel aka @diplix hatte seinem Vortrag die selbstironische Überschrift “Wie ich lernte, die Überwachung zu lieben” gegeben. Tatsächlich habe ich für mich jedoch als Essenz aus seinem Beitrag gezogen: Liebe Netzgemeinde, wir brauchen starke Symbole, um unser Streben nach einem freien und demokratischen Netz voranzutreiben und draußen – außerhalb der Netzgemeinde – für unser Anliegen Verständnis einzuwerben. Darüber hinaus machte Felix Schwenzel klar, dass es eine Definition der Gegner und eine grundlegende Feststellung der eigenen Ziele braucht, um das Engagement gegen den drohenden Überwachungsstaat bzw. für eine möglichst nicht überwachte Gesellschaft mit freiem Netz zu professionalisieren und in erfolgreiche Ergebnisse zu überführen.

Zwischen den Vorträgen habe ich einige Menschen der Netzszene sprechen können, die ich sonst nur auf den digitalen Kanälen verfolge. Manche hatte ich nur sehr kurz an der Off-Leine, andere länger. Insgesamt waren es wieder sehr schöne Gespräche, die mir auch immer wieder helfen, meine eigenen Standpunkte zu hinterfragen.

Apropos Leute – in diesem Jahr waren auffallend viele “Agentur- und Medienmenschen” anwesend. Mich freut das, weil nur so Themen auch in den Medienmainstream kommen werden, die die eingefleischte Netzgemeinde vermutlich dort sonst nicht platziert bekommen würde.

Am Ende gab es natürlich wieder das schon obligatorische Verabschieden. Was maßgeblich hieß, die re-publica-Crew namentlich zu verabschieden und danach die Karaoke-Version von Queens “Bohemian Rhapsody” zu trällern. Auf welcher Konferenz hat man das schon erlebt? Die GründerInnen der Konferenz bedanken sich auf großer Bühne bei ca. 30 bis 40 Menschen einzeln und namentlich, dem Orga-Team der re-publica. Und danach singen ca. 3.000 bis 4.000 Menschen im Saal gemeinsam den unvergesslichen Popsong.

Hier kann man hören und sehen, wie wir gesungen haben facebook.com >>

Dieser Schlusspunkt ist inzwischen ein jährlich wiederkehrendes Ritual und auch für mich immer ein Schlusspunkt, den ich gern re-publica-Neulingen zeige bzw. ans Herz lege. Warum? Weil ich fest daran glaube – und es schon erlebt habe – wie dadurch viele Leute erst verstehen, warum die re-publica da ist, warum sie anders ist, und warum die BesucherInnen dieser Konferenz auch etwas anders sind. Oder kurz gesagt: Weil es geht.

In diesem Sinne geht ein ganz herzlicher Dank an alle MacherInnen und HelferInnen der re-publica und an eine Netzgemeinde, die immer vielfältiger wird.

2 Responses to “Meine #rp14 – oder warum ich mich therapeutisch gut betreut fühlte.”

  1. aluberlin sagt:

    Guter Text, macht ja richtig Lust auf mal gucken gehen im nächsten Jahr.Den diplix Beitrag gleich mal ins “nachschauen”Programm aufgenommen. Alu

  2. Jens sagt:

    Si si! Ich finde ja, dass es sich seit 2007 lohnt. ;-)

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