Zwei Euro Dreißig

Dezember 13th, 2013 - 

20131213-092350.jpg

Heute Morgen habe ich es verpasst, an der richtigen U-Bahnstation auszusteigen. Zum Glück fiel es mir auf der Fahrt zur nächsten Station auf. Ich entschied mich, den Weg zu Fuß zum Büro zurückzulegen. Das Wetter war einfach zu bzw. ist noch viel zu gut, um wegen ein paar hundert Metern noch mal die Bahn zu nehmen.

An der Ecke Rosenthaler Straße und Torstraße sprach mich ein junger Mann an und bat mich um ein paar Cent. Ich verneinte und ging weiter. Sekunden später stutzte ich. Hatte ich dem Mann doch geantwortet, ohne in mein Geldsäckel zu schauen. Ich hatte also kategorisch abgelehnt, dem Mann überhaupt meine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Kurzerhand entschied ich mich, in mein Porte­mon­naie zu schauen, fand tatsächlich kein Kleingeld, aber einen 20-Euro-Schein.

Ich drehte mich nach dem Mann um und sah, wie er gerade die Tür zu einer Bäckerei öffnete und ich folgte ihm. Als ich neben ihm am Backstand ankam, wollte er gerade ein gekochtes Ei kaufen. “Kann ich dir einen Kaffee spendieren?”, fragte ich ihn. Ich glaube, er fühlte sich ertappt.

Er wich zurück: “Nein, nein – ich möchte nur das Ei kaufen.”

“Magst du noch ein Brötchen dazu?”, fragte ich wiederum.

“Mach ich so einen Eindruck auf dich … ach ja, ich hab dich nach Kleingeld gefragt.”

“Easy”, meinte ich, “kein Ding.” Zur Verkäuferin gewandt: “Ich bezahle das Ei.”

Die Verkäuferin gab dem Mann sein Kleingeld zurück und mir auf 20 Euro heraus. Der Unbekannte bedankte sich bei mir, ich gab ihm vom Wechselgeld noch ein 2-Euro-Stück, wünschte ihm einen schönen Tag. Danach verließ ich die Bäckerei.

Erst auf der anderen Straßenseite fiel mir auf, wie einfach diese Situation aus meiner Perspektive eigentlich war. Für mich ist es – zum Glück – kein Problem einen Menschen mit einem klitzekleinen finanziellen Beitrag in einer unmittelbaren Situation schnell zu unterstützen. Dies eigentlich nicht zu tun, dafür hatte ich mich zuerst noch viel schneller entschieden. Ich glaube, ich habe da inzwischen einen Reflex, den ich mir wieder abtrainieren muss. Einen Reflex, der mich gelegentlich davon abhält, Menschen etwas zu geben, das für mich eigentlich kein Aufwand bedeutet, ihnen aber hilft.

Die Frage, die ich mir selbst noch beantworten muss: Will ich nicht geben oder will ich das Elend nicht sehen, das um mich herum existiert? Ist die digitale Filterbubble inzwischen sogar eine, die sich schon auf mein reales Leben ausgedehnt hat? Denn mal schnell ein paar Euro über Paypal an ein Projekt zu überweisen, fällt mir leichter. Vielleicht ist das so, weil es clean, weit weg und trotzdem unmittelbar ist? Ich weiß es nicht – muss noch darüber nachdenken.

Mir ist klar, dass ich dem Mann nicht im Großen geholfen habe, aber vielleicht im ganz ganz Kleinen – für einen Moment. Ich habe auch keine große Tat begangen, die es wert ist, hier veröffentlicht zu werden. An dieser Stelle ist nur wichtig: Dieser Reflex nicht zu helfen, ist ein Problem. Wenn ich jedoch darüber schreibe, kann ich ihn mir wieder bewusst machen.

Warum Innenminister Friedrich recht hat

Juli 17th, 2013 - 

“Verschlüsselungstechniken, Virenabwehrprogramme – all diese Fragen müssen noch mehr in den Fokus gerückt werden. Die Menschen müssen sich bewusst werden, dass auch Kommunikation im Netz eines Schutzes bedarf. Und auch das ist eine Diskussion, die wir vorantreiben werden.”

Hans-Peter Friedrich, Innenminister der BRD, 16.07.2013, tagesschau.de >>

Der “gute” Herr Innenminister hat recht, wenn er meint, dass wir Menschen uns vor den Schnüffeleien der Geheimdienste – und damit der Regierungen – selbst schützen müssen.

Warum? Weil eine Demokratie nur so sicher ist, wie es ihre BürgerInnen sind. Friedrich ruft zur digitalen Selbstverteidigung auf und ist damit ehrlicher als die “empörte” Opposition.

Friedrich stellt damit klar: Im Internet sind WIR fast machtlos gegenüber den Zugriffen auf unsere Daten durch Dritte. Das ist so. Das wird auch so bleiben. Nur sagt man das nicht so gern im Wahlkampf, denn das Empören der SPD, Linken und Grünen ist natürlich medienseitig viel besser zu verwerten, als die ehrliche Bankrott-Erklärung: Wir Regierenden und Mächtigen können euch BürgerInnen vor dieser Schnüffelei nicht schützen und außerdem sind wir ja selbst an euren Daten interessiert.

<EINSCHUB>
Wir erinnern uns kurz, wer damals in der Affäre um Murat Kurnaz das Sagen hatte und die Verantwortung trug? Es waren Innenminister Otto Schily und Kanzleramtsminister Steinmeier – beide Herren sind heute noch Mitglieder der SPD. (zeit.de >>)
</EINSCHUB>

Technisch gesehen, werden einzelne Menschen immer weniger gegen die Überwachung ausrichten können. Sie können nur anfangen sich zu schützen und gleichzeitig daran mitarbeiten, die passenden Gesetze zu schaffen, um die Verwertung der Daten durch Dritte entweder zu legalisieren oder auch klare Grenzen für die Nutzung der erschnüffelten Daten zu ziehen. Das ist ein Prinzip, das so im deutschen Recht auch seine Anwendung findet – so gibt es zum Beispiel das Postgeheimnis (wikipedia.de >>) und die Unverletzlichkeit der Wohnung (wikipedia.de >>).

In den vergangenen Tagen ist mir eines wieder klar geworden: Ich muss mich schützen, wie vor HIV, wenn ich mir nicht Besuche und voyeuristische Schnüffeleien des Staatsschutzes (gutjahr.biz >>) oder anderer Dienste einfangen will. Wie gegen diese Angst und Einschüchterung verbreitenden BeamtInnen (Beispiel von Polizeigewalt am Rande der Demo “Freiheit statt Angst – golem.de >>) allerdings Antiviren-Software helfen soll, muss mir der Herr Innenminister noch mal erklären.

Ich finde es zwar tragisch und ziemlich bitter, dass mich der Staat (den ich mit meinen Steuergeldern auch für seine Arbeit bezahle) nicht schützen kann, ABER das hilft mir nicht weiter. Ich muss mich und meine Familie schützen.

<FAKULTATIVER EXKURS>
Im Übrigen glaube ich auch nicht, dass mich der Staat schützen will. Er will mich überwachen, meine Daten möglichst genau aufbereitet haben, um mich einschätzen zu können, wenn er gesellschaftliche Änderungen vornehmen will. Tausche ich “der Staat” hier gegen “von den BürgerInnen gewählte und bezahlte Menschen”, dann sollte klar sein, wo ich ansetzen muss. Ich muss mit meinen demokratischen Mitteln dafür sorgen, dass die PolitikerInnen und BeamtInnen aus den Ämtern entfernt werden, die mich unter Generalverdacht stellen, um eine Legitimierung für meine Überwachung zu erschleichen.

Dafür habe ich zahlreiche Mittel:

  1. Ich wähle eine Partei zur Bundestagswahl, die mir das Gefühl gibt, die Unwucht im politischen System zu korrigieren.
  2. Ich trete der für mich passenden Partei bei und/oder unterstütze sie finanziell.
  3. Ich gründe eine BürgerInnen-Initiative und schließe mich der passenden an.
  4. Ich helfe bei der Aufklärung der BürgerInnen mit Internetseiten, Flugblättern oder analogen Stammtisch-Runden, wie Barcamps.
  5. Ich nutze meine sozialen Netzwerke, um Informationen über die negativen Seiten der Schnüffeleien zu verbreiten.
  6. Ich kann mich ohne digitale Begleiter mit Menschen treffen. Smartphones, Computer, Tablets – alle Geräte einfach mal weglassen und sich zu Wanderungen und passenden Gesprächen treffen. Aber Vorsicht – das könnte schon als konspiratives Verhalten ausgelegt werden, wie der Wissenschaftler Andrej Holm (wikipedia.de >>) am eigenen Leib erfahren musste! (zeit.de >>, einstellung.so36.net >>)

Und, und, und …
</FAKULTATIVER EXKURS>

PS: Für die LeserInnen, die mir jetzt Sympathien für Innenminister Friedrich unterstellen wollen, kann ich hier nur noch mal schreiben. Nein, ich mag seine rechtskonservative Partei nicht, seine Bestrebungen hin zu einem Überwachungsstaat ebenfalls nicht. ABER in der Pressekonferenz, in der oben genanntes Zitat zustande kam, hat er offenbar unfreiwillig die Wahrheit gesagt. ;-)

So bilaterale Gespräche auf höchster Ebene und so …

Juli 3rd, 2013 - 

prism-nsa-bnd

Ich frage mich: Wem nützt die türkische Krise?

Juni 25th, 2013 - 

Ich bin mit meinem Dad selten einer Meinung, ABER er hat mir doch einen sehr entscheidenden Satz bzw. viel mehr eine Frage mit auf den Lebensweg gegeben, die sich bisher immer wieder für mich bewährt hat: Wem nutzt es?

Und genau diese Frage stelle ich mir im Moment, wenn ich die Bilder und Berichte über die Situation in der Türkei sehe. Emotional nimmt mich die Gewalt stark mit, oft fühle ich eine Ohnmacht gegenüber den Bildern. Aber trotzdem frage ich mich: Wem nützen nun diese Auseinandersetzungen?

1. innenpolitisch:

a) Nützt die Krise der Opposition gegen Recep Tayyip Erdoğan, dem türkischen Ministerpräsidenten seit 2003? Hat sie aktuell die Möglichkeit ob der äußeren Umstände eine gewisse Einigkeit zwischen den verschiedenen oppositionellen Gruppen innerhalb der Türkei herzustellen?

b) Nützt die in die Straßen getragene Gewallt Recep Tayyip Erdoğan und seiner Gefolgschaft, um weiteres, härteres Vorgehen und absurde Gesetze gegen die DemonstrantInnen zu verargumentieren? Und somit die von seiner Anhängerschaft vielleicht erwartete Härte zu demonstrieren?

2. außenpolitisch:

a) Nützt die türkische Krise der deutschen Bundesregierung und den Türkei-Skeptikern in den Koalitionsparteien, um die EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei zu verzögern bis nach der Bundestagswahl? Ist es nicht so, dass CDU/CSU und vielleicht auch Teile der FDP ganz froh darüber sein würden, wenn sich ihre potentiellen und konservativen WählerInnen nicht über aktuelle Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ärgern “müssten”? Und somit ein außenpolitisches Thema nicht zum “Problem” für den Wahlkampf der Koalitionsparteien wird?

b) Hilft die türkische Krise vielleicht auch Ministerpräsident Erdoğan bei Verhandlungen mit der NATO? Was will er vielleicht gerade für Zugeständnisse und sicherheitspolitische Unterstützung von der NATO für seinen eigenen Machterhalt? So nach dem Motto: Wenn ich (Erdoğan) für eine sichere Beziehung der Türkei zur NATO sorgen soll, dann brauche ich eure Unterstützung liebe NATO.

Und wem nützt die türkische Krise vielleicht auch nicht?

Welche Szenarien werden vielleicht gerade im NATO-Hauptquartier und beim US-Militär durchgespielt, wenn man bedenkt, dass die Türkei gerade im Bereich des “Nahen Ostens” ein sehr wichtiger Bündnispartner und auch räumlich von hoher strategischer Bedeutung ist?

Dear Mr. Erdogan, hier sind meine 5 Cents. #taksim #istanbul #turkey #gezi

Juni 17th, 2013 - 

20130617-103115.jpg

Telekom Tarife leicht erklärt ;-) #netzneutralitaet

Juni 11th, 2013 - 

Wichtige Infos zum Thema < Wie die Telekom die Netzneutralität in Gefahr bringt > findest du unter netzneutralitaet.cc

@diplix & @RobGreen: not se arschloch is se problem, se tabu is et.

Juni 7th, 2013 - 

hallo felix, hallo robert,

ihr habt wieder interessante texte geschrieben und trotzdem fühle ich mich bemüssigt, darauf zu antworten.

robert schreibt, dass man ruhig mal seine dark-side-of-life rausholen und auch verbloggen soll. felix meint, dass über seine dunkle seite schreiben, nicht so toll ist wie dunkle schokolade, sondern eher meist so wie eigenlob und das stinkt wie buttersäure.

okay – geh ich mit. aber eben nur zum teil. jetzt also meine fünf cents zum thema.

ich habe für mich vor vielen jahren beschlossen, grundsätzlich mit meinen schwächen und “dunklen” seiten offensiv und selbstverständlich umzugehen. warum? weil ich sie mir damit selbst farbig machen bzw. auf den schirm rufen und sie somit nicht ignorieren kann. das hilft mir, mit ihnen zu leben – mit diesen possierlichen kleinen dingern – sie zu hegen und zu pflegen. oder ich kann ihnen den garaus machen. oder wenigstens sie soweit zähmen, dass ich sie weitgehend kontrollieren kann.

so geschehen ist es mit dem rauchen. ich habe mir klargemacht, dass ich süchtig bin und noch locker zwei weitere jahre geraucht. ich habe dadurch bemerkt, dass mir die erste zigarette am morgen in etwa so lecker schmeckt und so gut tut, wie das knutschen und kuscheln mit einem grizzlybär. die irrwitzige laienhafte vermutung, dass ich kurz vor einem herzklabaster stünde, gab mir dann den rest. ich gab das rauchen auf – von einem tag auf den anderen. inzwischen sind mehr als 10 jahre vergangen, in denen ich natürlich immer mal bock auf einen glimmstängel verspürt habe. schräger weise war es mein saugreflex, der mich in alkoholisierter verfassung zum rauchen verführen wollte – was auch immer das unterschwellig über mich aussagen mag. aber zurück zum rauchen: weil mir in jeder situation bewusst war, dass “trockener-raucher-sein” wirklich nicht nichtraucher sein bedeutet, konnte ich das eigene rauchverlangen aushalten und hab mir keine fluppe angezündet.

worauf will ich hinaus? ich habe das gefühl in einer welt zu leben, die die eigenen schwächen zum geschäftsmodell macht und vor allem deshalb machen kann, weil schwächen in der gesellschaft zu einem tabu werden. menschen haben ticks, schwächen, macken. manche sind vom gegenüber aushaltbar, bei anderen muss das gegenüber selbst lange daran arbeiten, um sie akzeptieren zu können. wir haben uns daran gewöhnt, dass ein gegenüber die eigenen macken nicht aushalten soll oder gar einfach als realität akzeptieren muss.

ich ertappe mich selbst dabei, wie ich manche gefühle nicht äußern oder schwächen nicht ändern kann oder will. ich sehe andere leute, die ihre problemchen mit sich herumtragen und ihre energie eher darauf verwenden, diese zu verstecken, anstatt die gleiche energie in die mögliche lösung oder eben wenigstens linderung des problems zu stecken.

und genau da setzen die geschäftsmodelle an. es ist ganz einfach: du musst schwächen, macken, ticks nur zu tabus erklären, dann läuft das business von ganz allein. dann kannst du bücher und unzählige andere produkte und beratungen verkaufen, mit denen die “tabu”-belasteten ihre schwächen abstellen können (sollen). so werden also u.a. meine “problemzonen” zu unschicklichen tabus umgedeutet, die ich loswerden will/muss und für die ich zahlen sollte.

ich mag das spiel aber nicht mitspielen. ich muss lernen, mit den schwächen anderer menschen umzugehen. ich muss lernen, mit meinen unzulänglichkeiten zu leben. sicher – bei manchen problemfeldern kann ich veränderungen durch therapie oder durch veränderungen in meinem verhalten herbeiführen, sollte ich vielleicht sogar. in bezug auf andere menschen muss ich es einfach üben und ihre unzulänglichkeiten akzeptieren (lernen). beides ist verdammt schwer und sorgt natürlich für kleine und große konflikte. was einen entscheidenden vorteil hat: ich lerne auch noch, wie ich konflikte besser löse bzw. mit ihnen auch umzugehen.

fazit: menschen um mich herum und ich selbst – wir versuchen unsere eigenen schwierigkeiten zu verstecken, anstatt sie zu akzeptieren und an einigen zu arbeiten, bei denen es eine berechtigte aussicht auf besserung gibt.


Und hier das Video zum Schluss:

wie ich gerade erst sehe, hat johnny auch was zu euren beiden beiträgen geschrieben. das sei hiermit als lesetipp verlinkt spreeblick.com >>

darüber hinaus driftet die diskussion im netz gerade in richtung “mobbing” ab (hier, hier und hier). das habe ich in euren beiträgen nur als teil des ganzen themas verstanden und eher so, als das ihr nicht besonders glücklich darüber seid, als kids oder teenager gelegentlich auch böse gewesen zu sein. ein faires “sorry” würde aber sicherlich heute noch helfen, das war aber bei euch nicht wirklich zu lesen.

bless – jens

From Pee to Music

Mai 30th, 2013 - 

Die brasilianische NGO AfroReggae hat das riesige Urinproblem zum Karneval in Rio de Janeiro mal ganz praktisch “angepackt”. Lock at this! Its amazing!

via diebesteallerwelten.de

Westberlin und die merkwürdige Sehnsucht nach den alten Bildern.

Mai 24th, 2013 - 

Ich bin waschechter Ostberliner. In den Siebzigern geboren, kam ich bis zu meinem 14. Lebensjahr in den fragwürdigen Genuss ostdeutscher Erziehungsideen und wurde natürlich auch komplett mit diesem Antikapitalismus-Dingens geimpft. Damals™ war definitiv sehr vieles nicht besser, aber diese “Der Kapitalismus ist doof”-Nummer hilft mir noch heute, in vielen Situationen nicht überrascht zu sein – ich habe da keine romantischen Erwartungen an das Gesellschaftssystem. Der Kapitalismus ist ganz sicher doof, andere Systeme sind aber noch dooferer.

Nun aber zurück zur Überschrift. In den letzten Jahren mehren sich (gefühlt) die TV-Berichte über das alte Westberlin – das Berlin, welches ich nicht kennenlernen konnte und in den ersten Jahren nach der Wende komischer Weise auch nicht kennenlernen wollte. Ab 1990 war ich ja faktisch in der Pubertät und mit mir beschäftigt, sowie meiner auf voller Front fehlenden Coolness.

Wenn jetzt also diese Dokus über die eingemauerte Stadt im TV laufen, bemerke ich bei mir immer wieder eine riesige Neugier nach Bildern dieser alten und ‘versunkenen’ Stadt. Ich will plötzlich wissen, was da in den Achtzigern auf der anderen Seite passiert ist, wie die Gegenden damals™ aussahen.

Inzwischen trage ich mich sogar mit dem Gedanken, alte TV-Serien zu kaufen, um meinen Nachholebedarf zu stillen. Liebling Kreuzberg mit Manne Krug, Praxis Bülowbogen mit olle Pfitze oder Drei Damen vom Grill mit Brigitte Mira und Harald Juhnke – ich habe die Serien damals™ auch beim SFB gesehen, aber heute schaue ich bei solchen Flimmerbildern weniger auf die Story, als viel mehr auf die Bilder der mir unbekannten Stadt Westberlin. Es gibt Momente, in denen ich die Sendungen anhalte, um auf dem Standbild genauere Details zu betrachten.

Wenn ich so zurückdenke, war das gerade als Mensch an der Grenze zu Westberlin eine echt verrückte Situation. Ich wuchs mit dem Radiosender RIAS2 auf, sah abends gelegentlich ARD/SFB/ZDF und SAT1. Und trotzdem war selbst am 8. November 1989 für mich nicht denkbar, dass wir eines Tages wieder eine Stadt Berlin haben würden. Der Westen war medialer, fast fester Bestandteil meines Lebens – und trotzdem so weit weg.

Im Abklingen meiner Pubertät spielte Westberlin trotzdem keine Rolle, obwohl ich in den frühen Neunzigern natürlich jederzeit die Möglichkeit hatte, den ehemaligen Westteil der Stadt zu besuchen. Stattdessen war die Mitte des alten Ostens spannend. Für mich als spätpubertierenden Technofan waren Clubs wichtig, wie das WMF am S-Bahnhof Hackescher Markt, der Tresor an der Leipziger Straße oder sogar die Treptower “Insel der Jugend”. Die Clubs im Westen kannte und kenne ich bis heute nicht. Warum auch? Der Osten war, bedingt durch die ungeklärten Immobilienverhältnisse einfach das kreativere Pflaster, auf dem die wirklich verrückten Ideen umgesetzt werden konnten.

Heute ist mein Interesse groß. Ich kann nur nicht sagen warum. Aber es macht Spaß die mir unbekannte Stadthälfte neu – real und medial – zu erkunden.

#FrueherWarAnders – mitmachen erwünscht.

Mai 22nd, 2013 - 

Früher haben sich Menschen mit Promis fotografieren lassen und die Aufnahmen dann gerahmt an die Wand gehängt. Heute fotografieren sich Menschen mit Promis mithilfe ihrer Smartphones und veröffentlichen die Bilder dann auf ihren Internetwänden bei Twitter, Facebook, Instagram & Co. und sammeln Favs, Likes und Herzchen ein.

Früher heiratete man und gab hinterher eine dicke Fete und schickte den TeilnehmerInnen später die kompromitierenden Fotos von nach Mitternacht zu samt einer Spendennachforderung für das glückliche Paar. Heute bereiten Menschen eine Social-Media-Kampagne mit einem eigenen Hashtag und allem PiPaPo vor. Sie twittern, instagramen und hashtaggen mit ihrer Community aus dem Standesamt. Zusätzlich lassen sie auf ihrer Hochzeitsparty ein Musikvideo mit C-Prominenten produzieren, um es dann mit der ganzen Internet-Crowd zu sharen. Andere ändern fünf Minuten nach der Zeremonie ihren Beziehungsstatus auf Facebook in “verheiratet”.

Früher sammelten wir “Altstoffe” und buckelten uns einen ab, um das eigene Taschengeld aufzupäppeln. Heute lassen wir unsere leeren Bierflaschen in der Straßenbahn oder am Straßenrand stehen, für die Menschen, die ihren Lebensunterhalt aufbessern müssen.

Früher mussten wir uns noch pünktlich vorm Rundfunk- und Fernsehempfänger versammeln, um die Lieblingssendung zu hören oder zu sehen, damit wir am nächsten Tag auf dem Schulhof nicht in der falschen Ecke zu endeten. Heute fragt mein Kind, warum man bei unserem Radio nicht auf “Pause” drücken könnte. Das wäre doch auch bei jedem Youtube-Video möglich.

Ich freue mich auf weitere “Frühers” – entweder hier in den Kommentaren oder gern unter #FrueherWarAnders im sozialen Netz.