#urbansculpture – künstlerische Straßenmonologe, Teil 1

04. September 2016 - von - Jens  - 

Jetzt geht es los! Ich hatte es bereits angekündigt. Ich werde mich in diesem großen, weiten Internet als Kunstkritiker etablieren. Dabei setze ich auf eine von mir selbstdefinierte Nische innerhalb der Streetart – nämlich auf die urbane Skulptur, ganz modern von mir mit #urbansculpture verhashtagt.

Starten wir also jetzt.

Gestern entdeckte ich dieses minimalistische Werk, dass ich oben direkt per Foto dokumentiert habe. Es fand sich mitten im Kiez, nur für eingefleischtes Publikum zu entdecken. Damit ist auch gleich das erste Statement gesetzt: Das Kunstwerk wird nicht an einem prominenten, hochfrequentierten Platz in der Stadt installiert, sondern zu den Menschen in die Wohnquartiere gebracht. Nähe zum Publikum wird hergestellt. Ist es ein Werk, das somit einen Bildungsauftrag verfolgt?

Das kann man auf den ersten Blick so interpretieren, auf den zweiten Blick geht es eben um Teilhabe. Die RezipientInnen sollen direkt aufmerksam gemacht werden. Die bzw. der KünstlerIn wollen das Angebot eines Dialoges direkt und ehrlich, unmittelbar an die Menschen bringen.

Doch was zeigt uns dieses Werk eigentlich? Wir sehen ein schweres Fahrradschloss, das geschlossen um einen Laternenpfahl liegt. Ein Pappkarton wurde so platziert, das er mit seinem geöffneten Deckel eine optische Brücke zur Laterne und dem Schloss schlägt. In dem Karton befinden sich Telefonkabel und eine Telefonverteilerbox. Die Kabel sind wirr durcheinander. Man kann nicht genau erkennen, ob es einzelne Kabel sind oder es ein wirklich langes ist.

Wie kann man dieses Werk nun für sich wahrnehmen? Die Laterne ist ein feststehender Punkt im urbanen Raum. Hier wird Licht gespendet, wenn es notwendig ist. Kann man hier schon einen Verweis auf religiöse Themen unterstellen? Wird Licht gegeben, wo sonst nur Dunkelheit herrscht? In einer Kleinstadt oder auf einem Dorf wäre das so zu interpretieren, in einer Großstadt, wie Berlin, läuft eine solche Deutung ins Leere. „Die Stadt ist erleuchtet – auch in tiefster Nacht“, sagte schon der alte Konfuzius. Die Laterne muss also hier als neuralgischer Punkt des Festigkeit, ja des Innehaltens und des Wiederkehrens gesehen werden.

Doch welche Rolle spielt das Schloss? Das Schloss sichert nichts – weder die Laterne noch ein Fahrrad, Kinder-Laufrad, ein Moped oder irgendein anderes Stadtmobil. Das Schloss hält am neuralgischen Punkt fest, doch ist es ohne Funktion. Dieses massive Schloss symbolisiert ganz klar und deutlich die Berliner Seele. Die Laterne steht fest und verändert sich dort nur langsam. Sie stand da schon als Gaslaterne, sie wurde mit elektrischem Licht bestückt und heute beherbergt sie das kalte Licht einer LED. BerlinerInnen lieben solche langsamen, kaum spürbaren Veränderungen. Das Schloss ist also die Berliner Urbevölkerung, die allein und etwas funktionslos an etwas Imaginärem festhält. Allein Laterne und Schloss bilden eine klare Botschaft – Kritik an der Gentrifizierung, in dem sie die Situation der BerlinerInnen aufgreift.

Allerdings dürfen wir den Karton samt seinem Deckel nicht vergessen. Der Karton ist offen, zeigt seinen Inhalt, lässt diesen Inhalt auch herausquellen. Transparenz ist das erste Stichwort. Der Pappkarton ruft zu Offenheit auf. Er bildet damit den Kontrast zum festhaltenden und funktionslosen Schloss – den BerlinerInnen. Der Inhalt, die Kabel und die Telefonverteilerbox sind nun leicht hergeleitet. Popkulturelle Kunst, wie eben Streetart bzw, urbanen Skulpturen, sucht immer wieder die Verbindung zur Realität und Mediensprache. Dieses Kabelwirrwarr bezieht sich auf den legendären Werbeslogan „Ruf doch mal an! Telekom“. Der direkte Aufruf, sich kommunikativ zu betätigen, ist eine klare und doch recht profane Botschaft an die einsamen BerlinerInnen: Sucht die Verbindung zu anderen Menschen, zu euren neuen NachbarInnen!

So konkret kann man diese #urbansculpture wahrnehmen. Und die KünstlerInnen gehen sogar noch einen Schritt weiter. Wie jede urbane Skulptur kann man das Gebilde als Müll wahrnehmen oder eben als Kunstwerk, das man verändern kann. Das Mashup als Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts findet hier wieder seine konkrete Anwendung, denn mindestens eine Person kann die Telefonkabelage mitnehmen und an- bzw. verwenden. Auch dem Punkt der sozialen Teilhabe sei damit Rechnung getragen …

Kommen wir zum Schluss, sonst wird der Beitrag auch einfach zu lang: Wir kennen weder UrheberIn des Werkes, noch Titel des Objektmixes. Doch wir erkennen ganz deutlich die Botschaft – Menschen dieser Stadt, redet miteinander – auch dann, wenn es nicht leicht ist, in dieser schnellen Zeit der vielen Umbrüche!

Was für ein wunderbares Statement so kurz vor den Berliner Wahlen und in Zeiten neuer NachbarInnen aus dem Ausland. Kultur kann manchmal so direkt sein und doch so minimalistisch.

Herzlichst, Ihr Jens Stoewhase

Experte für urbane Skultpuren

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